Full text: Hessenland (15.1901)

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ein. Auf dem Schloß, wohin die Fürsten durch 
die Grafen geführt wurden, harrte die Braut mit 
dem ganzen Frauenzimmer zur Begrüßung. Nach 
kurzer Pause, während der die Angekommenen 
sich in ihre Quartiere begeben und den Neifestaub 
abgeschüttelt hatten, fand im Schloß die Trauung 
statt. In aula quadam arcis war ein Altar 
errichtet, an dem der Superintendent O. Bartolo- 
mäus Meier die Kopulation vollzog. Nach 
der Trauung traten zunächst die fürstlichen Ver 
wandten zum Brautpaar, um es zu beglückwünschen, 
dann folgte Wolrad mit den anderen Grafen 
nebst den übrigen Hochzeitsgästen in der ihrem 
Rang gebührenden Reihenfolge. Als letzter Akt 
der Vermählungszeremonie folgte das Beilager 
in Gegenwart der Verwandten, die nach altem 
Herkommen während der Besteigung des Ehebettes 
auf das Wohl der Neuvermählten tranken. Wolrad 
nennt das hierbei Dargebotene uectar et ambrosia 
cum saccaro, unter welchen Göttergerichten wir 
uns wohl Zuckerwerk und Wein vorzustellen haben?) 
Der Hochzeitstag endete natürlich mit einem 
solennen Hvchzeitsmahl, das 2 Stunden dauerte, 
und folgendem Tanz. Leider war die Haupt 
person des Festes, die Braut, nicht wohlauf. Sie 
fieberte etwas und konnte mu Tanze nur vor 
übergehend theilnehmen. Auch ein anderer Theil- 
nehmer, Graf E h r i st o p h von M a n s f e l d, 
der schon aus Gesundheitsrücksichten bei der Ein 
holung des Bräutigams gefehlt hatte, mußte sich 
frühzeitig in Begleitung feines Sohnes Ernst 
zurückziehen und ließ sich durch einen Wagen in 
fein Quartier fahren. Die übrigen Gäste suchten 
erst viel später ihr Lager auf. 
Graf Wolrad erhob sich trotz der Anstrengungen 
des Hochzeitstags am folgenden Morgen (18. August) 
schon um 5 Uhr und begab sich nach der Morgen- 
andacht in die B r ü d e r k i r ch e (templum, 
olim collegium Canonicorum), wo Magister 
Paul Rau über Lukas 18 grapbice pieque 
predigte. Während er noch in der Kirche war, 
schickte sein Bruder Graf Franz einen Boten und 
ließ ihm sagen, es sei Zeit zum Schloß zu gehn. 
Wolrad begab sich eilends in die Herberge seines 
Bruders und beide gingen dann zum Schlosse. 
Hier wurden sie von dem Marschall Hermann 
Rolls hausen empfangen, der ihre erneuten 
Glückwünsche für die Braut entgegennahm und 
in deren Namen ihnen wie den später kommenden 
Grafen terturn vel coronam arte phrygia 
consertam cum annulo ex auro ut puto puro 
*) Vgl. was G. Th. Dithmar im „Hessenland", 1900, 
S. 215 über die Hochzeit Landgraf Wilhelm's IV. mit 
getheilt hat. 
Adamante gemma adornatam zum Geschenk 
überreichte. In dem Saale, in dem am Tag 
zuvor die Trauung stattgefunden, fand man die 
Hochzeitsgäste imb Neuvermählten schon ver 
sammelt, denen M. Barth. Meier jetzt erst die 
eigentliche Hochzeitspredigt hielt. Sein Sermon 
hatte die Einsetzung der Ehe, das Glück und den 
Segen einer gottgefälligen Ehe und die Strafen 
des Ehebruchs zum Gegenstand mit vielen Be 
weisen aus der heiligen Schrift und Geschichte. 
Nach der Predigt wurde die Braut zu einem 
erhöhten >Sitz geführt, zu dessen Seiten außer 
dem Bräutigam die nächsten Verwandte sich auf 
stellten. Es folgt nun von Seiten der Gäste die 
Ueberreichung der Hochzeitsgeschenke an die Braut 
meist in Verbindung mit einer wohlgesetzten 
Ansprache (elegauti88imi8 amicisque verbis). 
Unter den Geschenken erregte besonders eins die 
Bewunderung und den Beifall aller Anwesenden, 
nämlich ein ans Holzbrettchen, Leinwand und 
Leder gefertigter mit Silber beschlagener Kasten, 
der ein füi einen fürstlichen Haushalt passendes 
vollständiges Tafelgeräth an Schüsseln, Tellern, 
Bechern, Salzfässern, Messern, Gabeln u. s. w. 
in Silber und Gold enthielt und dessen Werth 
ans anderthalb tausend Goldgnlden geschätzt wurde?) 
Braut und Bräutigam bedankten sich geziemend 
bei jedem einzelnen Geber, und dann wurde um 
1 Uhr Nachmittags ein sehr reiches, wie der 
arme Waldecker Graf sagt, „sybaritisches" Früh 
stück eingenommen. Das übliche gemeinsame 
Tischgebet vor wie nach dem Essen wurde, wie 
Wolrad sagt, juxta verbi divini praescriptum, 
wie es scheint mit Musikbegleitung gesungen 
(modulamiue pio et musa docta decantatur). 
Nach aufgehobener Tafel führte der Bräutigam 
die Braut wiederum zum Tanz, jedvd) wurde 
die Festesfreude wieder durch mehrfach sich wieder 
holende Fieberanfälle der armen Braut gestört.* **) 
Nach der spät stattfindenden Abeudtafel wurde 
der unterbrochene Tanz wieder aufgenoinmeu; 
daran schlossen sich allerhand, leider nicht näher 
beschriebene Hochzeitsscherze und natürlich der 
Sitte des Jahrhunderts gemäß ein Trinkgelage 
cum meu8i8 secundis illecebrarum. 
*). Es war ein Geschenk Landgraf Wilhelm's IV. Land 
graf Georg brauchte also von da an nicht mehr von Zinn 
zu speisen, wie von ihm aus der ersten Zeit seiner 
Regierung berichtet wird, wo er sich sogar, das Haus- 
geräth zum Theil von seinen Unterthanen borgen mußte. 
**) Dies Fieber ' war der Vorbote einer heftigen Er 
krankung an den Kiuderblattern, die Magdalene auf der 
Hochzeitsreise in Dresden befielen und lange Zeit an's Bett 
fesselten. Rommel 6, 102. 
(Schluß folgt.)
	        

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