Full text: Hessenland (15.1901)

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wie sich das bei einem so wissenschaftlich gebildeten 
Mann, wie Wolrad war — er führt den Bei 
namen des „Gelehrten" mit vollem Rechte —, 
von selbst versteht. Geschrieben ist es nur zum 
Theil von Wolrad's eigener Hand, wir müssen 
sagen, zum Glück, denn wir gestehen, kaum 
jemals eine Schrift gesehen zu haben, die schwerer 
zu entziffern gewesen wäre, als die dieses wal- 
deckischen Grafen. Das ist wohl auch ein Grund 
mit, daß diese Tagebücher noch nicht so ausge 
beutet worden sind, wie sie es wohl verdienen?) 
Was in den Tagebüchern nicht von Wolrad's 
eigener Hand herrührt, beruht entweder auf seinem 
Diktat oder, wie namentlich die zahlreich einge 
streuten Briefe, auf Abschrift. Sehr oft begegnet 
man der Handschrift des Jonas Tr hg op Horns 
(eigentlich Hefenträger) des Pfarrers von Enze 
bei Corbach, des treuen Dieners und geistlichen 
Berathers des Grafen. 
Wie kam nun Wolrad aus die Kasseler Hoch 
zeit ? — Der Graf hatte schon zu Philipp's des 
Großmüthigen Zeit enge Beziehungen zu dem 
Hofe seiner Lehnsherrn gepflogen und das Ver 
trauen des Landgrafen in so hohem Grade ge 
nossen, daß ihn dieser zu seinem Vertreter 
während des Regensburger Religionsgesprüchs im 
Jahre 1546 gewählt hatte. Bei dieser Gelegen 
heit und wegen seiner Theilnahme am Schmal- 
kaldischen Kriege hatte sich Wolrad die Ungunst 
des Kaisers zugezogen und mußte wie sein Lehns 
herr dafür kniefällig vor ihm Abbitte leisten und 
außerdem noch zur Buße 8000 Goldgulden zahlen. 
Durch die Heirath des Landgrafen Georg wurde 
nun Wolrad. der bisher ein vertrauter Lehens 
mann und Bundesgenosse der hessischen Landgrafen 
gewesen, ein Verwandter ihres Hauses. Magdalene 
von der Lippe die Erwählte Landgraf Georg's 
war nämlich Wolrad's Nichte; denn ihre Mutter 
die Gräfin Katharine war Wolrad's jüngere 
Schwester. Da Wolrad's Bruder Johann außer 
dem eine lippische Gräfin Anna geheirathet hatte, 
so war die Verbindung beider Häuser eine recht 
enge und so war es ganz natürlich, daß nicht 
nur Wolrad von Waldeck zu dem Ehrentag seiner 
Nichte Magdalene geladen war, sondern daß auch 
das waldeckische Grafenhaus sonst noch zahlreich 
bei der Hochzeit vertreten war. 
Hören wir nun, was Wolrad darüber be 
richtet. 
*) Mernes Wissens ist bisher nur das Tagebuch von 
1548 über Wolrad's Reise nach Augsburg veröffentlicht 
worden und zwar nach der saubern Abschrift des Reinh. 
Trygophorus. (Bibl. d. Lit. Ver. zu Stuttgart, 59). Vgl. 
auch Chr. Meyer, Aus einem Tageb. des 16. Jahrh, 
in Samml. gem.-wiss. Vortr. N. F. 13, Heft 305. 
Am 15. August 1572 verließ Graf Wolrad 
seine gewöhnliche Residenz, das Schloß Eisenberg 
bei Corbach, und begab sich nach dem Hofe Eil- 
hausen im nördlichen Waldeck. Von hier trat 
er am folgenden Tage Nachts um 2 Uhr mit 
seinem jungen gleichnamigen Sohne (geb. 1563, 
ch 1587 in den Hugenottenkriegen) und 10 Be 
gleitern zu Pferde die Reise nach Kassel an. Die 
Nacht war so dunkel und die Straße so schlecht, 
daß man nur mit Hilfe von angezündeten Stroh 
fackeln vorwärts kommen konnte. Der Weg ging 
zunächst über Schmillinghausen (im Tagebuch 
steht „Spillinghusen"). Beim Morgengrauen 
durchritten die Reisenden Volkmarsen 8n1ukati a 
nemine, dann ging's durch Brenne („Brunen") 
und an einem Malsburgischen Schloße „Lohe" 
vorbei, was wohl mit dem Hofe Laar am Fuße 
der Malsburg identisch ist. Um 9 Uhr Vor 
mittags erreichte man das Dorf „Mengen", 
worüber wir wohl Rangen zu verstehen haben. 
Hier wurde Rast gemacht, gefrühstückt und auf 
die von Norden kommenden lippischen Herr 
schaften gewartet. Es dauerte auch nicht lange, 
so kamen sie heran; zuerst der lippische Rath 
Adrian von St ein brück, dann die Gattin 
des Grafen Hermann Simon zur Lippe 
mit Wolrad's Tochter Gnda und anderen Fräulein. 
Von ihnen hörte er, daß seine Schwester 
Katharina (die Mutter der Braut) mit ihren 
Kindern und mit Wolrad's ältester Tochter 
Katharina aus den Wunsch des Landgrafen 
schon früher nach Kassel gereist seien. Es folgte 
Graf Hermann Simon zur Lippe mit siinem 
Sohne Philipp und mehrere Edele, dann Anna 
von Teckelnbnrg mit ihrer Tochter Walpurg und 
einer Gräfin von Mansfeld. 
Als man in den nächsten Ort (wohl Zieren- 
berg) kam, sah man von weiten einen anderen 
Zug von Wagen und Reitern. Es war Graf 
Ch ristoph von Mansfeld, Wolrad's Schwuger, 
mit seiner Frau A m e l i a v o n S ch w a r z b u r g*), 
seinem Sohne Ernst und seinen Töchtern Katharina 
und Anna, in deren Begleitung sich auch zwei 
Töchter Wolrad's Anna Erika und Magdalena 
Lucia befanden. Im nächsten Dorf (D ö r n b e r g?) 
stieß dann die Gräfin Anna von Waldeck 
(Schwester Hermann Simon's zur Lippe und 
Wittwe von Wolrad's Bruder Johann, ch 1567) 
mit ihren Kindern und ihrem Schwager Franz 
von Waldeck (Wolrad's jüngerem Bruder) zu den 
Reisenden. So war es schließlich ein stattlicher 
Zug von über 200 Berittenen, der vor den Wagen 
*) Wolrad's Frau war eine Gräfin von Schwarzbnrg- 
Sondershausen, Anastasia Günthern, gewesen und ihm 
1. April 1570 gestorben.
	        

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