Full text: Hessenland (14.1900)

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Es waren nicht die ersten Waldenser, die in 
dieser Gegend Aufnahme gesucht hatten. Schon 
im Jahr 1688 waren von den Holländern, die 
sich der Waldenser besonders annahmen, 50 Fa 
milien in ungefähr 250 Personen bestehend an 
die Menburger Herrschaft gewiesen worden. Sie 
stammten aus dem Cluson-Thal. Wahrscheinlich 
waren sie 1685 ans ihrer Heimath geflohen und 
hatten sich in der Pfalz niedergelassen, waren 
aber im Sommer 1688 mit so vielen Anderen 
aus ihrer neuen Heimath durch die Mordbrenner- 
schaaren des französischen Königs Ludwig XIV. 
aufgejagt worden und mußten nun auf's Neue 
sich eine Wohnstätte suchen. Sie waren in 
Kesselstadt bei Hanau einstweilen ausgenommen 
worden und wohnten in den Scheuern der Bauern. 
Es war etwa am 20. Mai, als sie dorthin 
kamen; aber je näher die Ernte heranrückte, um 
so eifriger mußten sie sich nach einem anderen 
Zufluchtsort umthun. Weil sie nun gehört hatten, 
daß „in der Grafschaft Menburg fromme gottes- 
fürchtige Regenten seien, auch die reine, unver 
fälschte apostolische Lehr, deren sie zugethan seien, 
darin getrieben und eifrig gelehret würde",, so 
hatten sie darum angehalten, sie in das Men 
burger Land aufzunehmen. Der Menburger 
Rath Johann Gottfried König, ein frommer, 
guter und kluger Mann, wurde nach voraus 
gegangenem schriftlichen Verkehr zu ihnen geschickt, 
um mit ihnen zu unterhandeln. Roch herzlicher, 
mit wahrer brüderlicher Liebe und Treue sorgte 
für sie der gräflich hanauische Rath Sch eff er, 
unermüdlich war er für sie thätig. Er hatte der 
Menburger Herrschaft den Vorschlag der Auf 
nahme gemacht und zugleich neben dem Vertrag 
über die Errichtung der Neustadt Hanau von 
1597 auch eine Berechnung darüber eingeschickt, 
wie viel jährlichen Nutzen die neuen Ansiedler 
der Herrschaft bringen würden, er bezifferte ihn 
aus 1516 Gulden 20 Albus <2593 M. 56 Pf.). 
Am 2. Juli 1688 fand die Zusammenkunft des 
Raths König mit den Waldensern in der 
„Güldenen Gans" zu Hanau statt. Von der 
Waldenser Seite waren erschienen ihr Pfarrer 
„und noch ein wackerer Mann, welcher ein medicus 
(Arzt) und des Pfarrers Vetter sein soll", an 
welchen beiden der Rath „sehr bescheideile uss- 
richtige fromme und wackere Leute dem Ansehen, 
Geben, Thun und Wesen nach" fand. Die Beiden 
bedankten sich für den guten Willen unb das 
gezeigte Mitleiden und sagten, sie wollten „nie- 
inand beschwerlich fallen, ihre Nahrung bestünde 
in lauterer Arbeit, und wären arbeitsame Leute, 
die sich meistentheils mit der Handarbeit, theils 
mit Vieh und anderen Handwerken ernährten, 
verlangten nicht viel Land und etwall für ein 
Hansgesüß (Familie) ein Morgen 4 oder 5, 
damit sie die Hausnothdurft und sonderlich Flachs 
ziehen könnten, womit sich die Weiber Tag und 
Nacht mit Spinnen, auch aus den Straßen im 
Gehen, nährten*), wären geringer und weniger 
Speise gewohnt und ließen ihnen das Stück Brod 
sauer werden. Die Mannspersonen wären iu 
ihrem Lande wohl 20 Meilen Wegs ausgegangen, 
um einen Pfennig zu verdienen und den Ihrigen 
Unterhalt zil verschaffen; sie würden alles, was 
man voll ihnen begehrt, angreifen, und was sie 
nicht könnten, lernen, es seien auch unter ihnen 
verschiedene Handwerks- unb Bergleute". Der 
Rath Köllig rieth der Herrschaft aus christlichen 
und weltlichen Gründen sehr ernstlich und herz 
lich zur Aufnahlne der armen Vertriebenen. 
Unter den weltlichen Gründen nennt er: „Wann 
eine ziemliche Anzahl angenommell würde, es bei 
den Herrn Staaten (Holland) sehr wohl genommeil 
und die Herrschaft noch einigen Nutzen gewarten 
könnte", ferner seien „diese Leute in ihrer Hand 
arbeit wohl im Land zu gebrauchen, lind das 
Geld bliebe mit gutem Nutzen im Land". Der 
Rath hätte je mehr je lieber aufgenommen und 
er machte folgende Vorschläge: 
1. In Großendorf, Hinderburg und Schmitten 
könnte eine ziemliche Anzahl gesetzt, auch wohl 
untergebracht werden, mit der Zeit eine Vorstadt 
erbaut und zu ihrem Gottesdienst die Pfarrkirche 
eingegeben werden. 
2. Köililte ein Ebenmäßiges bei Wächtersbach 
geschehen. 
3. An das Schloß und in deiil Thal bei 
Meerholz könnten einige in Seidenhaildwerk 
Arbeitende versorgt werden.**) 
4. Zu Haitz könnten auch einige untergebracht 
werden und mit den zwei obigen eine Kirch machen. 
5. Kann ihnen das ganze Dorf Gettenbach st) 
eingegeben werden. 
*) Man sieht wohl in manchen Gegenden, daß die 
Frauen auf ihren Wegen in's Feld oder in die Stadt 
: im Gehen stricken, aber spinnen wäre nicht möglich 
! unterwegs mit unseren jetzigen Rädern; die Waldenser 
! Franen haben damals noch nicht das Spinnrad, das 1530 
in Braunschweig erfunden ist, gebraucht, sondern die 
Spindel; der „Wockenstock" wird dabei unter den Arm 
genommen und der Faden einfach davon abgesponnen 
und um die herunterhängende Spindel gewickelt. Der 
Faden soll auf diese Weise sogar feiner, fester und gleich- 
! mäßiger geworden sein. Die Frauen in Frankreich 
spinnen auf diese Weise noch unterwegs, wie mir ein 
französischer Pfarrer aus der Gegend von Die sagte. 
**) Meerholz liegt im Kinzigthal, unter Weinbergen, 
geschützt und warm. 
t) Dort scheinen nur ganz wenige, von der Herrschaft 
abhängige Waldarbeiter gesessen zu haben.
	        

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