Full text: Hessenland (14.1900)

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dieselben Schriftzüge in seiner Sprache oder seinem 
Dialekte liest — ähnlich wie unsere arabischen 
Zahlzeichen von jedem europäischen Volke in seiner 
Sprache gelesen werden — sich bis zu unserer Zeit 
und bis zur Einführung des Evangeliums erhalten 
haben, während anderswo alle alten Hieroglyphen- 
Schriften längst untergegangen sind. Ja es liegen 
in der chinesischen Schrift, besonders durch die von 
ihr gebotene Nothwendigkeit für den Leser, stets 
selbst sinnend und überlegend thätig zu sein und 
den in den hieroglyphischen Zeichen niedergelegten 
Geist gleichsam aus seinen Banden zu erlösen und 
zum klaren Verständniß zu bringen, sowie durch 
die Anknüpfung der Zeichen für abstrakte Begriffe 
an die für konkrete Zustünde und die hierin ent 
haltenen überraschenden Spuren großartigster Ein 
fachheit und Innerlichkeit und uralter Lebensan 
schauung, Momente, welche ihrem Studium nicht 
blos einen eigenthümlichen Reiz gewähren, sondern 
welche auch selbst den Gedanken möglicher Weise 
Raum geben, daß in ihr die längst gesuchte, den 
gleichartigen schriftlichen Verkehr unter allen 
Völkern der gebideten Welt möglich machende 
gemeinsame Schriftsprache gesunden sei." 
Dieser Absatz ist aus dem Grunde vollständig 
wiedergegeben worden, um darzuthun, daß diese 
von Kurhessen ausgehende Missionsangelegenheit 
in einer Weise behandelt wurde, welche auch den 
Gegnern der Mission hätte zeigen müssen, daß 
in den Absichten der an der Spitze der Stiftung 
stehenden Männer doch etwas mehr lag, als die 
Bekehrung von ein paar Dutzend Chinesen zum 
Christenthum. Es sollte jedenfalls kein einseitiges 
Aufdrängen der abendländischen Religion statt 
finden, sondern das Gute, was der Osten bot, 
auch zu uns herübergeführt werden. Die Idee, 
die chinesische Sprache zur allgemein verständlichen 
Schriftsprache zu machen, wird damals von sehr 
vielen für lächerlich gehalten worden sein, die 
Weltsprache wird aber nicht immer ein leerer 
Wahn bleiben und es ist gar nicht ausgeschlossen, 
daß durch den für die Zukunft in Aussicht 
stehenden lebhaften Verkehr zwischen den euro 
päischen Völkerschaften in dem Reich der Mitte 
die chinesische Sprache und Schrift zur gegenseitigen 
Verständigung wesentlich beitragen dürfte. 
Tie Gründung der Deutsch-Chinesischen Stiftung 
in Kassel siel gerade mit der großen Theuerung 
1847 zusammen, und der Vorstand mußte in 
folgedessen manches bittere Wort über sich er 
gehen lassen, obwohl nach den damaligen An 
schauungen auch ohne die drohende Hnngersnoth 
die Mission in China nicht volksthümlich geworden 
sein würde. In einem „Zur Chronik der Teutsch- 
Chinesischen Stiftung" überschriebenen Artikel in 
den „Monats-Berichten" wird zwar zugestanden, 
daß es menschlich betrachtet vielleicht klüger ge 
wesen wäre, die Errichtung der Stiftung aufzu 
schieben, bis der augenblickliche Nothstand bei uns 
wieder überwunden gewesen sei. die Zeit für die 
Mission in China sei aber zu günstig gewesen, 
um die Anfänge eines allgemeinen Vorgehens zu 
vertagen. „Daß aber die Vorsteher unserer 
Stiftung für die heimische Noth kein Herz hätten," 
heißt es u. A. „ist boshafte Verläumdung, und 
es bedurfte wahrlich nicht erst der „Fliegenden 
Blätter", um jene an die verwahrlosten Kinder 
in der Heimath zu erinnern, was keinem in 
unserer Stadt und unserem Lande unbekannt sein 
kann, der um die heimischen Zustände, namentlich 
um die Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder 
in Rengshausen, welche durch einen unserer Vor 
steher mitvertreten, sich irgendwie bekümmert hat." 
Uebrigens konnte man auch der kurhessischen Re 
gierung nicht den Vorwurf machen, daß sie der 
Noth des Landes theilnahmslos gegenüberstand, 
denn sie kaufte für mehrere Millionen Thaler 
überseeisches Korn an und überließ dasselbe mit 
einem bedeutenden Verlust den Bäckern, damit es 
diesen nicht an Brotfrucht gebreche. Ter Angriff 
der „Fliegenden Blätter", ans welchen die „Monats- 
Berichte" speziell Bezug nehmen, findet sich in 
dem 4. Band, Nr. 86 des Münchener Witzblattes, 
welches damals und auch noch längere Zeit hin 
durch nicht selten in Politik und verwandten 
Gebieten machte; das eine halbe Seite füllende 
Bild trägt die Ueberschrift „Deutsch-Chinesische 
Stiftung zu Cassel zur Bekehrung und Be 
glückung der Chinesen" und zeigt auf einem Podium 
in der Mitte einen salbungsvoll lächelnden Geist 
lichen, dessen Körper aus einer Sammelbüchse be 
steht, rechts und links von ihm aber zwei bezopfte 
Herren in civiler Kleidung, von welchen der zu 
seiner Rechten ein Blatt mit einem fidelen und 
einem traurigen Chinesen, „China vor und nach 
der Stiftung" empor hält, der zur Linken aber 
einen Klingelbeutel und ein Buch mit der Auf 
schrift „Altes und neues Testament" trägt. So 
dann erblickt man neben dem Podium zwei gelockte 
Damen, welche „Deutsch-Chinesische Stiftungs- 
Strümpfe" stricken und „Deutsch-Chinesische 
Stiftungs-Hosenträger" sticken, sowie einen Herrn 
und eine Dame, welche mit chinesischen Hüten 
versehen, scheinbar um auf eine Maskerade zu 
gehen, sich in einem großen Spiegel betrachten. 
Vor dem Podium jedoch steht ein Krüppel und 
ein paar halbverhungerte Bauersfrauen mit ihren 
Kindern, die Hände stehend in die Höhe streckend, 
sowie ein alter Bauer, den ein verwahrlost aus 
sehender Junge bestiehlt. Sodann erblickt man
	        

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