Full text: Hessenland (14.1900)

Freiherr Karl Wvalier von Meysentiug, 
kurfürstlich strsstscher Staatsminister. 
Von Hermann Freiherrn von Meysenbug-Lauenau. 
ck lg die nachfolgenden Aufzeichnungen, zu welchen 
fk ich durch die Lektüre des Werkes „Deutsche 
^ ^ Geschichte im 19. Jahrhundert" von Hein 
rich von Tr eitfchke angeregt wurde, entstanden, 
war Herr von Treitfchke noch am Leben. 
Ich beabsichtigte, die Aufzeichnungen dem großen 
Historiker mit dem weiter unten ebenfalls folgen 
den Anschreiben zu übersenden. 
Während ich zunächst das Niedergeschriebene 
bei einigen Mitgliedern meiner Familie zirkuliren 
ließ, erkrankte Herr von Treitfchke. 
Ich wollte nun mit der Uebersendung der Auf 
zeichnungen an ihn bis zu seiner Wiederherstellung, 
der man nach mir zugekommenen Nachrichterl 
sicher entgegensehen konnte, warten. 
Das Gegentheil des Erwarteten trat ein und 
wurde durch das Ableben Treitschke's meine Ab 
sicht, mich mit ihm in Verbindung zu setzen, und 
ihr: mindestens zu einer Berichtigung seiner 
meinen Großvater, den ehemals kurfürstlich 
hessischen Staatsminister Freiherrn Karl Ri 
ll alier von Meysenbug, betreffenden Aeuße 
rungen in späteren Auslagen seines obengenanrrten 
Werkes zu veranlassen, vereitelt. Jetzt ließ ich 
vorläufig die Angelegenheit ganz ruhen, bis das 
Lesen einiger anderer Werke über hessische Ge 
schichte, irr welchen der Persönlichkeit rneines 
Großvaters auch durchaus nicht die gebührende 
Gerechtigkeit widerfuhr, wenngleich sie sich nicht 
in der mit den Thatsachen schroff in Widerspruch 
stehenden Weise der „Deutschen Geschichte im 19. 
Jahrhundert" über ihn äußerten, von Neuem in 
mir den Wunsch rege rnachte, meine Aufzeich 
nungen durch deren Veröffentlichung in die Wag 
schale zu werfen. 
Allen denen, die sich für die Geschichte des 
iKurfürstenthums Hessen interessiren, werden sie 
dadurch hoffentlich im Lause der Zeit einmal vor 
die Augen kommen und dem rechtlich Denkenden 
Veranlassung geben, sich der Nothwendigkeit des 
„audiatur et altera pars“ auch in diesem Falle 
bewußt zu werden. 
Dadurch, so hoffe ich weiter, werden meine 
Mittheilungen bewirken, daß in Zukunft ent 
stehende Geschichtswerke über das Kurfürstenthum 
Hessen das Charakterbild meines Großvaters in 
würdigerer und mehr der Wahrheit entsprechen- 
der Weise wiederspiegeln werden. 
Ehe ich meinen Brief an Herrn von Treitfchke 
und die an dessen Adresse gerichtete Widerlegung 
der Auslassungen der „Geschichte des 19. Jahr 
hunderts" bringe, will ich in Nachfolgendem zu 
besserem Verständnisse einen kurzen Lebensabriß 
meines Großvaters vorausschicken, der in den 
später folgenden, ursprünglich an Treitschke's 
Adresse gerichteten Mittheilungen eine Ergänzung 
finden wird. 
Geboren am 2. Oktober 1779 zu Kassel, der 
Haupt- und Residenzstadt der damaligen Land- 
grafschaft Hessen-Kassel, verlor er beide Eltern 
schon im zarten Kindesalter. 
Seine Erziehung wurde, soweit es sich um sein 
körperliches Wohl handelte, von einer Schwester 
seiner Mutter, die das Hauswesen in seinem 
eigenen, von den Eltern ererbten, in der Schloß 
straße in Kassel gelegenen Hanse nach dem Tode 
der Mutter übernahm, weiter geleitet. 
Im klebrigen war dieselbe in die Hände vor 
trefflicher Männer gelegt und sprechen hinter 
lassene Aufzeichnungen voll Dankbarkeit und 
Rührung von der väterlichen Fürsorge und 
Freundschaft der Herren Oberappellationsgerichts- 
Rath Laers und Regierungsrath Kopp, sowie 
von den schönen Stunden, welche dem Knaben 
in Riede, dem Landsitze der letzten Sprossen 
der alten Meysenbug'schen Familie, Landrath 
Heinrich von Meysenbug, zu verleben vergönnt 
war. 
Den ersten Unterricht ertheilte ihm eine alte 
Französin, doch wurde dieser Unterricht sehr bald 
als nicht ausreichend aufgegeben und der Knabe 
trat in die von dem französischen Prediger und 
Professor Klingender geleitete Pension als 
Zögling ein.
	        

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