Full text: Hessenland (10.1896)

Nie Okkupation Hessen-Kassels durch die Franzosen im Jahre 
1806 und die Schicksale des kurfürstlichen Haus- und Staats 
schatzes. 
Von Dr. Hugo Brunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel. 
Nachdruck verboten. 
'S! er kurhessische Staat hat zweirnal seine Selb- 
Mk ständigkeit verloren. Daß dies beide Male 
der unentschlossenen Politik seiner Fürsten 
zu danken gewesen sei, wird kaum in Abrede 
gestellt werden können. Der Großvater, Kurfürst 
Wilhelm I., konnte es im Jahre 1806 ebenso 
wenig über sich gewinnen wie 60 Jahre später 
der Enkel, sich offen und rückhaltlos ans eine 
Seite zu schlagen. Daß beide Fürsten mit keiner 
der kriegführenden Mächte es ganz verderben 
wollten, daß sie wähnten, eine bewaffnete Neu 
tralität könne den kleinen Staat in den wilden 
Wogen der Völkerkämpfe über Wasser halten, 
war ein verderblicher Jrrthuin. 
Aber Kurfürst Wilhelm I. war bei aller ver 
kehrten Politik doch immer noch weit staatskluger 
als sein Enkel. Und vor allen Dingen ließ er 
sich besser rathen als dieser. Waren seine Minister 
auch keine Politiker ersten Ranges, so dursten 
sie doch ihre Meinung frei und unumwunden 
äußern, ohne auf stetes Mißtrauen und eine, 
wenn ihre Ansicht nicht genehm war, unwürdige 
Behandlung gefaßt sein zu müssen. Und vor 
allem: Wilhelm I. hatte nicht einen großen Theil 
der öffentlichen Meinung im Lande gegen sich. 
Er war eins mit seinem Volke, und — wenige 
ausgenommen —stand dieses treu zu und hinter ihm. 
Dieser Treue einerseits, französischer Bestech 
lichkeit andererseits ist es namentlich zu danken 
gewesen, daß Wilhelm I. seine großen Reich 
thümer der Begehrlichkeit der Franzosen zu ent 
ziehen vermochte. Von jeher hat man der Rettung 
des kurfürstlichen Vermögens ein besonderes 
Interesse entgegen gebracht, wohl uni deswillen, 
weil die Phantasie sich niächtig anregte bei der 
geheimniß- und gefahrvollen Bergung so gewaltiger 
Reichthümer, die in der Einbildungskraft noch 
weit größer erschienen, als sie es thatsächlich 
waren, und deren Entdeckung ein kleiner Zufall 
wie leicht hätte herbeiführen können! 
Die geheimnißvolle Verbergung und Weg 
führung besagter Schätze aus dem Machtbereich 
der Franzosen hatte in erster Linie das Kapital 
vermögen des Kurfürsten zum Gegenstand. Sieben 
Millionen Reichsthaler wurden, wie allgemein 
bekannt, dem kurfürstlichen Oberhofagenten Meier 
Amschel Rothschild anvertraut. Sie sind in 
der Hand dieses klugen Mannes das Mittel zu 
dem Erwerb der kolossalen Reichthümer seines 
Hauses geworden. Das übrige Kapitalvermögen, 
welches man auf etwa 21 Millionen Reichsthaler 
angiebt, worunter aber noch andere Werthgegen- 
stünde waren, ließ der Kurfürst, wie man sagt, 
auf den Rath des ihm treu ergebenen Burg 
grafen und Schloßinspektors S t e i tz zu Wilhelms 
höhe in dem Giebel des östlichen Säulenvorsprungs 
des dortigen Schlosses vermauern.') Das Silber 
geschirr, auch mehrere Millionen an Werth be 
greifend, ward theils auf der Löwenburg, größten- 
theils aber in dem mitten im Reinhardswalde 
gelegenen einsamen Jagdschlösse Sababurg ein 
gemauert. 2 ) 
Wohl ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger 
als die heimliche Bergung des Kapitalvermögens 
war es, den Franzosen die Kenntniß der be 
deutenden Ausstünde, welche der Kurfürst hatte, 
bezw. der Kapitalien, welche die öffentlichen 
Kassen ausgeliehen hatten, zu entziehen. In dem 
Titel dieser Abhandlung habe ich von dem kur 
fürstlichen Haus- und Landesvermögcn gesprochen. 
J ) So berichtet wenigstens F. W. Hagedorn in 
einem Schriftchen: Die Rettung des kurfürstlichen 
Schatzes unter der Regierung des Königs Jerome. 
Kassel (G. Klaunig) 1880. — Ich werde auf diese Schrift 
später noch zurückkommen. 
") Hierüber siehe Schweb es: Nachrichten über die 
Verbergung des Silbergeräthes rc. des kurfürstlichen 
Hofes im Jahr 1806 auf dem alten Jagdschlösse Saba - 
bürg im Reinhardswalde und den Raub dieses 
Schatzes vor den Franzosen. (Zeitschrift für hessische 
Geschichte, N. F. Bd. 1, S. 251.) Von den eigentlichen 
Vorgängen bei dem Raube sagt der Verfasser nichts.
	        

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