Full text: Hessenland (10.1896)

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der Verhältnisse. Denn es läßt sich nicht leugnen, 
daß er in dem Abkommen, das er nun noch irtj 
ersten Jahre seiner Regierung mit Darmstadt 
schloß, sich nachgiebiger zeigte, als man erwarten 
durfte. Ju Darmstadt war inzwischen Georg II. 
seinenl Vater Ludwig in der Regierung gefolgt. 
Mit ihm, der an Klugheit und festem Willen 
dem tüchtigen Vater nicht nachstand und im 
Uebrigen, gleich diesem, während der ganzen Folge? 
zeit, auch unter widrigen Umständen, wie an 
erkannt werden muß, dem Kaiser ergeben blieb, 
schloß Wilhelm zu gänzlicher Beilegung des Mar 
burgischen Erbschaftsstreites im September 1627 
neben ausführendenNebeuverträgen den sog. Ha upt- 
akkord, einen Vertrag, der, so sehr er zwar 
für den Augenblick auch von Kassel gefeiert wurde, 
doch für das Haus Hessen-Kassel den Stachel 
harter Unbilligkeit in sich trug, der sich bald fühl 
bar machen mußte. Seine wesentlichen Be 
stimmungen gingen dahin, daß Hessen-Kassel end- 
giltig auf Oberhessen verzichtete und zudem, das 
war die größte Härte, die ganze Niedergrafschaft 
Katzenelnbogen, die schonen Besitzungen am Rhein 
mit der wichtigen Feste Rheinfels, an Darmstadt 
abtrat. Darmstadt dagegen räumte den Pfand 
besitz von Niederhessen und verzichtete auf seine 
Forderung wegen der aus dem Marburger Land 
gezogenen Nutzungen bis auf die Summe von 
100 000 Gulden, wegen deren Schmalkalden in seinem 
Psandbesitz verblieb. Die Giltigkeit des Vertrages 
war bedingt, allster durch die Genehmigung von 
Wilhelm's Stiefmutter und Stiefbruder Hermann, 
die ertheilt wurden, durch die Genehinigung seines 
Vaters und die Bestätigung des Kaisers. Land 
graf Moritz verweigerte nicht nur seine Zustimmung, 
sondern protestirte in feierlicher Forin für sich 
und seine junge Herrschaft, Wilhelm's Geschwister, 
gegen die gefährliche vermeinte Pazisikativn. 
Wilhelm und Georg beschlossen darailf, von der 
Genehmigung Moritzens abzusehen, und erwirkten 
die Bestätigung des Kaisers durch die wohl nicht 
ganz der Wahrheit und nicht ganz der Sohnes 
pflicht Wilhelm's entsprechende Vorstellung, daß 
der alte Landgraf in einem Gemüthszustand sei, 
worin er zu bedächtigen und richtigen Resolutionen 
nicht mehr gelangen könne. Der Vertrag wurde 
hiernüchst im Frühjahr 1628 in gemeinsamer 
Versammlung der Stände beider Länder im 
Schloß zu Kassel durch feierliche Eide beider Land 
grafen bestätigt. 
Das war der erste, verlustreiche Schritt auf 
dem Leidensweg des jungen Fürsten. Es darf 
nach ihrem späteren Auftreten bezweifelt werden, 
daß seine Gemahlin, deren Einfluß in politischen 
Dingen bei anderen Gelegenheiten schon um diese 
Zeit sich bemerkbar machte, dem Vertrag ihren Bei 
fall gegeben habe, dessen grundlegende Beredungen 
Wilhelm allein in Darmstadt getroffen hatte. 
Das Jahr 1628 brachte deil erneuten Verlust 
Hersfelds. Nach Tilly's Abzug von Hessen wieder 
besetzt, infolgedessen auch Wilhelm und Amelia 
in 1626 und 1627 wieder vorübergehend dort 
Wohnung genommen hatten, wurden Stift und 
Stadt von den Kommissaren des Erzbischofs von 
Mainz für den zuin neuen Administator ernannten 
Sohn des Kaisers, Erzherzog Leopold Wilhelm, 
in Besitz genommen, zur selben Zeit, wo Land 
graf Wilhelm, um dem Kaiser seine Ehrfurcht zu 
bezeigen und Erleichterungen in den Kriegslasten 
für sein Land zu erbitten, am kaiserlichen Hof 
lager in Prag weilte und gütig dort aufgenommen 
worden war. Man ging jetzt in Hersfeld mit 
größter Entschiedenheit vor und glaubte offenbar, 
endgiltige Zustünde schaffen zu können. Die 
evangelischen Geistlichen der Stadt wurden ent 
lassen und Stift und Stadt durch herbeigerufene 
Jesuiten und fuldische Franziskaner der katholischen 
Gegenreformation unterworfen. 
Der große Krieg trat jetzt au seinen ent 
scheidenden Wendepunkt. Nicht ein militärischer 
Erfolg bezeichnet ihn, sondern ein politischer 
Machtspruch des Kaisers. Der Kaiser, nun im 
ganzen Reiche Sieger, erließ im Jahre 1629 das 
große R e st it ut i o n s ed ikt und kündigte mit ihm 
eine politisch-religiöse Umwälzung an, die, wenn 
durchgeführt, den Gesammtzustand des Reiches, 
wie er sich seit hundert Jahren gebildet hatte, 
von Grund aus verändert haben würde. Das 
Edikt ordnete an, daß alle seit dem Passauer 
Vertrag von 1552 säkularisirten geistlichen Stifter 
in den alten Stand restituirt werden, und weiter, 
daß des Augsburger Religionsfriedens nur die 
Bekenner der ungeänderten Augsburger Konfession 
theilhaftig, die Reformirten daher, was unter 
diesem Ausdruck verstanden war, vom Frieden 
ausgeschlossen sein sollten. Ein Stoß nach dem 
Herzen in dieser letzteren Bestimmung für die 
reformirten Reichsstände, denen nun, wie schon 
lange gedroht hatte, ihr Rechtsboden rechtsförmlich 
entzogen wurde, aber zugleich, in jener ersten 
Anordnung, ein schwerer, allgemeine Erbitterung 
hervorrufender Schlag für reformirte und lutherische 
Stände. 
Und nun sehen wir, wie Lutheraner und 
Reformirte zu gemeinsamem Handeln sich einigen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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