Full text: Hessenland (10.1896)

188 
und der Gemeinden Widerstand entgegengesetzt 
wurde, seine Anordnungen schließlich mit Gewalt 
durchgeführt. Er hatte damit gegen eine aus- 
drücklicke Bestimmung des Testators verstoßen, 
durch die dieser jede Aenderung in dem Stand 
der lutherischen Religion des Landes bei Verlust 
ihres Erbtheils den Erben verboten hatte. Dar 
über hatte Hessen-Darmstadt, der Erbe zur anderen 
Hälfte, schon im Jahre 1606 eine Klage beim 
Reichshofrath erhoben, mit der es Herausgabe 
auch der Kasselischen Hälfte des Landes forderte. 
Der Prozeß, den gemessenen Gang aller Reichs- 
hosrathsprozesse nehmend, war bei Ausbruch des 
Krieges noch nicht entschieden; der Besitz Ober 
hessens mit seiner Hauptstadt Marburg aber 
war nach bent Vorgehen Moritzens ein recht un 
sicherer. 
Gleichfalls noch unsicher war eine andere Er 
werbung, das Stift Hersfeld. Die Stadt Hers 
feld war längst evangelisch. Auch im Stift war 
die Augsburgische Konfession exerzirt worden, die 
äußere Verfassung des Kapitels mit dem Abt 
an der Spitze aber war zunächst noch bestehen 
geblieben. Die Hersfelder Aebte hatten jedoch, 
unter erneuter Anerkennung der schon seit Jahr 
hunderten von Hessen geübten Schirmherrschaft, 
schon Moritzens Vater Wilhelm die Zusage ge 
geben, zu Gunsten eines aus den Gliedern des 
Kaffclischen Hauses zìi wühlenden Administrators 
demnächst auf ihre Würde zu verzichten. Infolge 
dessen war Moritzens ältester Sohn Otto noch 
bei Lebzeiten des letzten Abtes im Jahre 1604 
zu dessen Koadjutor gewählt und hierauf als 
Administrator, wie die weltlichen Inhaber geist 
licher Stifter genannt wurden, sein Nachfolger 
geworden. Moritz hatte auch versucht, die Be 
stätigung des Kaisers und des Papstes für die 
Veränderung zu erwirken, sie war jedoch, wie 
vorauszusehen, verweigert worden. Seinem Bruder 
Otto war dann nach dessen frühem Tod Wilhelm, 
der Gemahl Amelia's, als Administrator gefolgt. 
(Fortsetzung folgt.) 
Vre Kasseler Schützen. 
(In Anlehnung an den Vortrag des Oberstlieutenants z. D. von Kropfs im Verein für hessische 
Geschichte und Landeskunde zu Kassel.) 
(Schilift.) 
as Uebcrhandnehmen der stehenden Heere 
machte die eigentlichen militärischen Dienste 
der Bürgerschützen entbehrlich, zumal sie 
selbst in der Handhabung des ihnen gebliebenen 
Wachtdienstes, den sie namentlich während der 
Belagerungen Kassels im siebenjährigen Kriege 
(1761 und 1762) als eine arge Last empfanden, 
viel zu wünschen übrig ließen. Wie cs damgls 
mit den Schützen bestellt war, erhellt wohl am 
besten daraus, daß das Amt des von den Ober 
offizieren der Kompagnieen zu wählenden Schützen 
meisters keineswegs begehrenswerth erschien. In 
dem Reglement von 1766 wurde ausdrücklich eine 
Strafe von 2 Reichsthalern für den festgesetzt, 
der sich weigern würde, die ans ihn gefallene 
Wahl anzunehmen. 
Als im Jahre 1786 das von Landgraf Fried 
rich II. neu eingeführte Amt eines Schützen 
majors zu besetzen war, geschah die Einholung 
der Meinungen der Bctheiligten in Betreff des 
nunmehr nöthig gewordenen Aufrückens nach 
damaliger Sitte auf dem Wege schriftlicher Rück 
äußerung auf ein deshalb in Umlauf gesetztes 
Schreiben. Von den erfolgten Antworten sind 
die beiden folgenden für den Geist, der zur 
Zeit in den Schützen lebte, und deren Verhält 
nisse besonders bezeichnend. Der Lieutenant Johann 
Lorenz Bindcrnagel schrieb gleichmüthig: „Da 
es nun einmal so sein soll, so nehme ich die 
Kapitänsstelle an", der Fähnrich Johann Bal 
thasar Knies aber vollends: „Ich verbitte mir 
das Avancement." 
Wohl um den Geist des Schützencorps neu zu 
beleben, wurde im Jahre 1752 die Uniformirnng 
sämmtlicher Schützen angeordnet, während bis 
dahin nur die Offiziere solche getragen hatten. 
Die Uniform bestand aus blaucni Rock mit 
gelben Knöpfen, Klappen, Kragen und Auf 
schlägen mit rothem Vorstoß, blauen Beinkleidern 
und für die Offiziere aus goldenen Epauletts. 
Die Musik erhielt roth-weiße Federbüsche. Aber 
auch Derartiges scheint nicht viel geholfen zu 
haben. 
Einen wesentlichen Grund zu dem weiteren 
Verfall des Schützenwesens bildete die mißliche 
Gestaltung der finanziellen Verhältnisse, die über 
haupt nie glänzend gewesen waren und schon 
mehrfach, zuletzt im Jahre 1720, zu der Ver-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.