Volltext: Hessenland (10.1896)

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des altersschwachen Matthias anschloß. Die neue 
evangelische Lehre hatte inzwischen an werbender 
und erhaltender Kraft im Großen und Ganzen 
iwch keine Einbuße erlitten. Aber, leider eine 
echt deutsche Erscheinung, mit der äußeren Aus 
dehnung deS Protestantismus hatte sich die Kluft 
zwischen den beiden protestantischen Bruderparteien 
fortdauernd verschärft und vertieft. Lag daher 
zwar der Höhepunkt der bestehenden Spannung 
nach wie vor in dem Gesammtgegensatz zwischen 
Protestantismus und Katholizismus, so war doch, 
wenn man das Verhältniß der sich gegenüber 
stehenden drei Religivnsparteien zu einander näher 
in's Auge faßt, diese Spannung am geringsten 
zwischen Lutheranern und Katholiken; sie war 
am stärksten zwischen Katholiken und Reformirten; 
diesem letzteren Gegensatz aber gab, wie man bei 
der oft genug extremen Gehässigkeit der zwischen 
den beiden protestantischen Parteien gewechselten 
Streitschriften und angesichts vereinzelter schlimmerer 
Vorkommnisse nicht zweifeln kann, der Gegensatz 
zwischen Lutheranern und Reformirten an Stärke 
wohl nur wenig nach. Dabei war die prvpagirende 
Kraft auf religiösem, die treibende auf politischem 
Gebiet auf protestantischer Seite damals bei den 
Reformirten. Nüchternheit war der Grundzug 
des geistigen Lebens der Zeit vom Ende des 
sechzehnten Jahrhunderts ab. Die warmherzige 
und ebendeshalb mit Recht so genannte humanistische 
Periode der ersten Refvrmationszeit war ver 
rauscht. Was die Väter und Großväter mit 
ihrem warmen Herzen errungen und empfunden 
hatten, mühten die Enkel sich ab, methodisch zu 
zergliedern und mehr mit den Kräften des Ver 
standes zu erfassen. Nüchternes, wiewohl gewiß 
echt religiöses Empfinden ist auch der Grundzug 
des Calvinismus. Er befand sich daher im 
Bunde mit den Kräften, die das Geistesleben 
der Zeit beherrschten. Daher vornehmlich erklärt 
es sich denn wohl, daß dem Calvinismus uin 
diese Zeit innerhalb des protestantischen Deutsch 
lands ein Territorium nach dein andern zufiel, 
daß auch er demnächst in der 1608 gegründeten 
protestantischen Union, diesem religiös-politischen 
Bund im Reiche mit dem reformirten Kurfürsten 
von der Pfalz an der Spitze, dein die meisten 
lutherischen Fürsten mit ihrein Haupt, dem Kur 
fürsten von Sachsen, fernblieben, die politische 
Führung wenigstens der Mehrheit der deutschen 
Protestanten gewann. Mit der steigenden Macht 
der Reformirten aber wuchs die Abneigung ihrer 
Gegner. Man hatte deshalb insbesondere, und 
zwar sowohl auf katholischer wie lutherischer Seite, 
begonnen, den Reformirten das Recht zur Theil 
nahme am Religionsfrieden überhaupt zu be 
streiten. Und dieses Recht war nach dem Gang 
dcrseinerZeit in Augsburg geführten Verhandlungen 
in der That nicht zweifelfrei. War daher die 
rcformirte Konfession diejenige, welche damals am 
eifrigsten sich regte, so war sie zllgleich die am 
meisten gefährdete: ihr stand der Existenzkampf 
noch bevor. Grund genug für ihre Glieder, sich 
zu sammeln und, wie wir schon an den bisher 
erwähnten fürstlichen Ehebündnissen, denen nun 
dieses hessen-hanauische hinzutritt, dies Streben 
wahrnehmen konnten, enge Fühlung unter einander 
zu suche». Für den Calvinismus galt cs iu 
ganz besonderem Maße, seine Kraft zu kon- 
zentriren für den großen Kampf, der bevorstand, 
den Kampf, der zwar, jedoch nur zeitweise, 
Lutheraner und Calvinisteu einigte, der aber 
ganz wesentlich die Rechtsstellung der Reformirten 
ihren beiden Gegnern gegenüber auszutragen be 
stimmt war, in dem ihnen und von ihnen der 
zäheste Widerstand geleistet wurde. 
In diesem Kampfe war dem Hause Hessen- 
Kassel eine wichtige, ja unter den deutschen 
Fürstenhäusern führende Stellung beschieden. Land 
graf Moritz, von Jugend auf dem Calvinismus 
zugeneigt, hatte dem Konfessionsstand seiner hes 
sische» Kirche, die bis dahin eine neutrale Stellung 
zwischen den beiden protestantischen Bekenntnissen 
eingenommen hatte, eine entschiedene Wendung 
zum Calvinismus gegeben; die niederhessischc 
Kirche, obwohl nie zum strengen Calvinismus 
vorschreitend, hat seit den Veränderungen Moritzens 
sich selbst stets dem reformirten Bekenntniß zu 
gerechnet. Auf dem Hause Hessen-Kassel ruhte 
noch von den Zeiten Philipp's des Großmüthigen 
her die Tradition einer vorkämpferischen Stellung 
unter den protestantischen deutschen Fürstenhäusern. 
Und wenn das Land inzwischen getheilt worden 
war und nun auch konfessionell sich trennte, 
denn um dieselbe Zeit schloß Hessen-Darmstadt 
sich dem strengen Lutherthum au, so war doch 
die Machtstellung Hesse«-Kassels auch für sich 
allein im Reichsverbande keine ganz unbedeutende. 
Amelia Elisabeth trat daher durch ihre Ver 
mählung an eine Stelle, der in dem bevorstehenden 
Kampf eine hervorragende Mitwirkung und Ver 
antwortung zufallen mußte. 
Das Land Hesstn-Kafiel aber befand sich bei 
Ausbruch des Krieges in keineswegs sicherer Lage. 
Landgraf Moritz, bei glänzenden Gaben des Ver 
standes nur zu oft Besonnenheit und Mäßigung 
vermissen lassend, hatte seine ealvinistischen Re 
formen auf diejenige Hälfte des oberhessischen Landes 
ausgedehnt, die ihm durch Testament seines Oheims 
Ludwig von Hessen-Marburg im Jahre 1604 zu 
gefallen war, und, als ihm seitens der Geistlichen
        

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