Full text: Hessenland (9.1895)

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„Die Hallen Salomonis" nannte mein Vater 
den prächtigen Eingang zum Bahnhöfe, den kein 
Thor, weder von der Straße noch nach den 
Perrons hin, abschloß, durch dessen offene Bogen 
die Ferne uns entgegen lachte, aus der die Züge 
kamen und dahin brausten. 
Rings um den Bahnhof: Gärten, Feld und 
Grasplätze! Links, nach der Kölnischen Allee herauf, 
zog sich eine kleine grüne Anhöhe, einige Pappeln 
standen dort und, meiner Erinnerung nach, lagen 
immer gefällte Baumstämme unter denselben, die 
gerne als Ruheplatz benutzt wurden. An schul 
freien Nachmittagen war dieses Terrain ein be 
liebter Ausflugsort der Kinder. 
Von der Museumsstraße war damals nicht 
viel mehr zu sehen als eben der Weg, an welchem 
Häuser angebaut werden konnten! — Wenn man 
von der Stadt kam (von der Kölnischen Straße oder 
vom Ständeplatz), dehnte sich rechts das sogenannte 
„Armenseld" aus, hinter welchem eine schmale 
Stiege nach der jetzigen Bahnhofsstraße führte; 
die heute so breite, verkehrsreiche Straße, war 
ein Heckenweg und ihr hauptsächliches Gebäude: 
die alte Kr ebs'scheSch weselholzfabrik. — 
Die ersten größern Wohnhäuser dort waren das 
Rat.hm ann' sche und Ackermann 'sche, die noch 
unverändert stehen. 
Nur wenn man die Straßen, die Anlagen, die 
Paläste der nächsten und weitern Umgebung des Bahn 
hofes nicht vor Augen hat und sich recht innig in 
Erinnerung vertieft, dann steigt in seinem alten 
Kleide jener Theil Altkassels wieder vor uns aus! 
Wer gedenkt jetzt noch, Angesichts der hohen 
Häuser, all' der Gärten und grünen Wege und 
Gartenhäuschen, die einst freundlich und traulich 
den Uebergaug zur Stadt vermittelten? Wer 
erinnert sich noch der Cimiotti'schen Restau 
ration in der Kölnischen Straße, des ein 
stöckigen Hauses mit seinen grasgrünen Schal 
tern, dem hübschen schattigen Garten davor 
mit dem sogenannten „Berg" nach der Straße zu; 
dem hübschen Auslugplätzchen? Ein grün gestriche 
nes Staket umzog das ganze Grundstück, unterdessen 
schattigen Bäumen und Lauben es nie an Gästen 
fehlte, denn einzelne Küchenerzeugnisse sowie das 
bayrische Bier bei Cimiotti waren über die Gren 
zen der Vaterstadt als vorzüglich bekannt! 
Von der Kölnischen Straße aus diente, 
als sehr beliebter, wenn auch „eigentlich" ver 
botener, Zustreckeweg nach der Wolssschlucht, 
der frühere „Dietrich's" dann „Höhmann's" 
dann „Stracke's", endlich „Schaub's" Garten. 
Eine Zeit lang, zu Ende der vierziger und Anfang 
der fünfziger Jahre, hatte die Wolfsschlucht (an 
deren Ecken aber „Garde du Corps-Straße" 
zu lesen stand) eine gewisse Berühmtheit durch 
den reichhaltigen Geflügelhof von Dietrich und 
später Höhmann, der nach der Straße zu durch 
ein Drahtgitter abgeschlossen war. Kraniche und 
Störche stolzirten gravitätisch zwischen allerhand 
seltenen Hühnern, Tauben und Enten herum und 
das Gitter war stets von Großen oder Kleinen, 
die vorüberkamen, belagert. 
Die Gärten und Höfe der Wolssschlucht gingen 
bis an die Königsstraße, aber der Weg nach 
dieser und nach dem Friedrichsplatz war ein 
recht weiter, man gelangte dahin nur durch 
die Wilhelms- oder Kölnische Straße. An der 
Wolssschluchtecke oberhalb befand sich das Süster- 
und Jakobshaus, ein Asyl für arme alte Männer 
und Frauen. Mancher der damaligen Wolfsschlucht 
bewohner erinnert sich wohl noch des „grünen" 
Männchens, welches jeden Tag im grünen lang- 
schößigen Rocke und grünen Handschuhen (letztere 
wenigstens im Winter) langsam - bedächtigen 
Schrittes, immer zur selben Stunde, dahergewandelt 
kam um, wie die Kinder sich erzählten, zur Parade 
auf dem Friedrichsplatz zu gehen, aber niemals 
rechtzeitig eintraf! — Nun wurde aber in die 
Dielenwand des Kommandanturgartens eines 
Tages Bresche geschlagen, das „Gnadengäßchen" 
entstand und geleitete außer auf den Friedrichs 
platz in ein wahres Himmelreich von schöner 
Aussicht über das Auethor hinweg auf die blauen 
Berge des Fuldathales! — 
Die alte Wolssschlucht ist eine rechte Garten 
straße gewesen. Gegenüber dem Gymnasium, 
beträchtlich höher als die Straße gelegen, zogen 
sich Gärten hin mit langer grauer Dielenwand 
(die lieben, alten charakteristischen Dielenwände!) 
über welche sich „Cyrenen"- und Schneeballgebüsch 
bog, Obst und Kastanienbäume emporragten. 
Dann unterbrach gegenüber dem einzigen Brunnen 
der Wolssschlucht (von dem auch noch einmal 
etwas erzählt werden muß), ein braun gestrichenes 
Lattenthor die lange Dielenwand. Hieran schloß 
sich ein Häuschen, das nur aus Erdgeschoß und 
breitem, hohem Dach bestand, auf welches ein alter 
Birnbaum sich schützend herabbog; dann kam 
der Kuhstall, welcher zu Stracke's Restauration 
gehörte; zwischen diesem und dem Wohnhause 
führte ein enger Weg in den beliebten Garten. — 
Das alte Haus, die „Tabaksdose" benannt, bis zum 
Jahre 1843 Strub er g's Fabrik, so wie das dicht 
neben liegende Wobst'sche Haus und die v. Waitz'- 
schen Häuser, bilden den alten Stamm der Wolss 
schlucht deren Name freilich den später gebauten 
Wolf'sehen Gebäuden seine Entstehung verdankt. 
Gleichfalls von einer Dielenwand nach der 
Straße hin abgegrenzt, an der Seite, wo die
	        

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