Full text: Hessenland (9.1895)

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n 
Eine Eingemeindung vor 300 Jahren. 
Von Dr. W. Grotefend. 
[ nfere heutigen städtischen Gemeinwesen sind 
zum großen Theile erst infolge allmählicher 
Erweiterung der ursprünglich sehr kleinen 
ältesten Stadtgemeinde durch neue Ansiedelungen 
vor der Stadt oder in der Stadt selbst, bezw. 
durch Herbeiziehung von benachbarten Höfen, 
Dörfern, Städten und geistlichen .Stiftern und 
Klöstern zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt 
und verschmolzen worden. Vor ihrer Vereinigung 
hatten die verschiedenen Dörfer und Städte ihre 
eigene Verfassung und Verwaltung. Bis dahin 
hatte jede Stadt ihr eigenes Rathhans, ihr eigenes 
Gericht, ihren eigenen Markt, in der Regel auch 
eine eigene Kirche, ein eigenes Weinhaus und 
ein eigenes Schlachthaus. 
An Beispielen für diese Erscheinung ist auch 
in der Geschichte hessischer Städte kein Mangel. 
So sind u. A. die Residenzstadt Kassel, Roten 
burg a. F. und Frankenberg, ferner Eschwege, 
Gelnhausen, Homberg und Hofgeismar aus ver 
schiedenen Stadtgemeinden erwachsen; Kassel aus 
Altstadt, Neustadt und Freiheit, von der erst 
später gegründeten Ober-Neustadt (Ende der 
achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts) ganz ab 
gesehen, Rotenburg und Frankenberg aus Altstadt 
und Neustadt. Erfolgte in Kassel die Vereinigung 
der drei Gemeinden zu einem einheitlichen Ganzen 
unter gemeinsamer Stadtobrigkeit bereits im 
Jahre 1384 durch Landgraf Hermann den Ge 
lehrten, ein Ereigniß, das nicht lediglich unter 
dem Gesichtspunkte der Beschneidung werthvoller 
freiheitlicher Bürgerrechte und Erweiterung der 
landesherrlichen Befugnisse, wie es bisweilen ge 
schehen ist, sonders vornehmlich unter dem 
Gesichtspunkte des öffentlichen Wohls betrachtet 
zu werden verdient, so vollzogen sich die ent 
sprechenden Thatsachen für die beiden anderen 
Orte erst wesentlich später. Erst im Jahre 1607, 
also unter Landgraf Moritz, ging die eigentliche 
politische Vereinigung der Neustadt Rotenburg 
am rechten Fuldaufer mit der Altstadt am 
anderen User der Fulda vor sich, und erst seit 
jener Zeit erhielt die Neustadt gleiche bürgerliche 
städtische Gerechtsame mit der Altstadt, während 
Alt- und Neustadt Frankenberg im Jahre 1556 
noch unter Landgraf Philipp dem Großmüthigen 
vereinigt wurden. Derartige Vereinigungen ge 
schahen nicht selten aus Grund eines besonderen 
„Jnkorporationsrezesses", der die einzelnen dabei 
in Betracht kommenden Fragen zu regeln be 
stimmt war. 
Zufällig ist der einschlägige Vertrag, wie er 
zwischen den Vertretern der beiden Gemeinden 
von Frankenberg abgeschlossen wurde, in der 
Ständischen Landesbibliothek zu Kassel in einer 
Abschrift etwa aus dem Jahre 1587 von der 
Hand des Baumeisters Emanuel Höften da 
selbst erhalten worden, sodaß unsere Leser Ge 
legenheit haben, den Inhalt der 
„Waren copey des recesses, so 
zwischen beiden stedten Francken- 
berg a u ß bevehlich des durchlauch 
tigen und hochgebornnen furstenn 
unnd Hern landgrafs Philipsen hoch 
löblicher und gottseliger gedechnis 
wegen ihrer s. g. durch Johann 
Nordeckenn, als abgefertigenn 
commissarienn, angeordnet, ver 
richtet unndt enndlichenn verhandelt 
ist worden, wie sich beide Parthey 
gegen einander verhalten, verwil- 
liget, auch solches alles mit hand 
gebender trew gegeneinander be- 
sestigett und zugesagt haben. 
Geschehen im jare 1556 denn 
9. tag Jnnii . . 
kennen zu lernen. 
Wie so häufig, ließ sich auch diese Ein 
gemeindung nicht völlig glatt bewerkstelligen, 
sondern es kostete viel Mühe und Arbeit, bis es 
soweit kam, selbst nach dem endlichen Abschluß
	        

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