Full text: Hessenland (7.1893)

78 
und Keller tag und nacht offen stehen, geben 
darzu groß Dienstgeld aus, meinen uns daraus 
eine große Autorität zu bekommen, da sie doch 
darnach mit ungemischtem Maul darvon gehen, 
uns dessen nicht allein keinem Dank wissen, 
sondern unser noch in die Zähne darzu spotten. 
Zudem so lassen wir es dabei nicht, sondern 
wollen unser Frauenzimmer, dergleichen Edel« 
knaben, auch die Junkern selbst, alles in Sammet 
und Seiden kleiden; Item unsere Pferde alle mit 
Federn und sammeten Zeugen ausputzen, anders 
nicht als wehren wir welsche Zibeth - Katzen, 
welches sich gar übel in diese Art Lande pfropffet, 
dann unser Herr Vater Gottselig hatte das ganze 
Land allein, schämbt sich nicht sein Frauen 
zimmer in Arras und Burstat mit Birkischen 
Atlaß verbremet, desgleichen seine Jungen in ein 
gut ländisch tuch auch mit solchem Atlas verbremet 
(wann S. Gnaden gleich auf Reichstag zogen) 
zu kleiden, und Wier, die Wier S. Gnaden Lande 
in so viel theil zerstückelt haben, fahren so hoch 
daher, welches wahrlich in die länge schwer fallen 
und besorglich einen bösen Ausgang gewinnen 
wird; wahrlich der Welschen und teutschen Pracht 
dienen nicht zusammen, sintemahlen, ob sich gleich 
die Welschen mit Kleidung stattlich halten, so 
fressen sie desto übler und sparsamer, lassen sich 
mit einem Gerüchte Eier und Sallath begnügen, 
da die Teutschen das Maul und den Bauch voll 
haben wollen, darumb unmöglich beyd Teutsch und 
Welschgepränge mit einander zu ertragen. Darbey 
lassen Wier es nicht, sondern behenken uns auch 
noch neben den vielen von Adell und stattlichen 
Frauenzimmer an Hoff mit einem Schwarm 
Doctoren, Secretarien und Schreiber und dazu in 
höher Besoldung hat, als unser Herr Vater Gott 
selig selbst; zudem halten unser jeder so einen 
Haufen Jäger, Köch und Hausgesind, daß schier 
zu jedem Berg ein eigener Jäger, zu jedem Topfs 
ein eigener Koch, und zu jedem Faß ein eigener 
Schenke ist, welches alles die Länge wahrlich nicht 
gut thun, sondern die hohe Nothdurft erfordern 
wird, wollen Wier anders nicht verderben; des 
gleichen das spiel und ausreisen auf Tänze frembder 
Fürsten, welche beide stück den Beutel weitlich fegen 
und räumen, dann ob man wohl an etlichen Orten 
ausquittiert wird, so gehet einem doch auf alle 
Wege noch eins so viel darauf als wenn einer 
daheimb wehre; was dann ferner betrifft, ob Wier 
die Gebrüder allerseits unser Gemahlin mit nacher 
Naumburg uf den daselbst fürstehenden Erb 
verbrüderungstag mitnehmen möchten, achten Wier 
dafür, daß Wiers dem alten teutschen Brauch nach 
halten, und dieselbigen daheimb haushalten lassen, 
sintemahl solches nicht allemahl zu ersparung 
großer Unkosten gereicht, sondern auch zur ver- 
kommung höhnlichen nachreden dienlich, daß nicht 
die Leute sprechen, Wier könnten nicht eine Meile 
Wegs ziehen, Wier müßten dann die Tasche an 
der Seite henken haben" u. s. w. 
Als im Jahre 1570 die Hofleute sich über den 
schlechten Wein beschwert hatten, verwies ihnen Land 
graf Wilhelm dieses, indem er bemerkte, daß die 
Hofleute am Hofe Philipp's I., worunter mehrere 
Herzoge, Grafen, Gelehrte und tapfere Ritter, wie 
er sie jetzt an seinem Hofe nicht habe, mit diesem 
Weine zufrieden gewesen wären und schließt dann 
folgendermaßen: 
„Darumb sollten sie solcher schmarozerey sich in 
ihr Herz hinein schämen, daß sie ihnen als Ritter 
Leuten solches lassen vor die Mäuler kommen; 
man könne in einer fürstlichen Hofhaltung nit 
einem jeden Lampreden kochen, und Perdrisken 
und Cappaunen mit schwarzen Füßen speisen, oder 
Amboisen vorsetzen, denn darüber würden nicht 
allein Wier ein Fürst, sondern wohl ein großer 
König verderben. Wir wehren ihnen nichts anderst 
zu geben schuldig, dann was uns wechst, wie unser 
Vorfahren auch gethan; wollen sie damit nit zu 
frieden sein, so mögen sie uns unsern Dienst ver 
möge der Hoffordnung ufsagen, und nach Ausgang 
des Jahres ziehen, da wo sie Malvasier zu trinken 
haben, und ihre Schmarotzermeuler woler weiden 
können." — 
Landgraf Philipp der Jüngere starb am 20. No 
vember 1583 auf dem Schlosse Rheinfels und wurde 
in der Stiftskirche zu St. Goar begraben. Da seine 
Ehe kinderlos war, sielen die Stadt Goar und Rhein 
fels mit der ganzen Niedergrafschaft Katzenelnbogen 
an den ältesten Bruder Philipps, den Landgrafen 
Wilhelm IV. von Hessen-Kassel. 
Ein Meisterschuß. Es war am 17. Dezember 
1692, gleich im Anfange der Belagerung der 
hessischen Festung Rheinfels durch die Franzosen. 
Der Kommandeur der französischen Truppen war 
der tapfere General Graf Tallard, dem wir ja 
noch häufiger in der hessischen Kriegsgeschichte 
begegnen, er verfügte über eine Heeresmasse von 
18000 Mann. Sein Vertrauen auf diese über 
wiegende Macht — die Hessen verfügten in Rhein 
fels nur über 3000 Mann — war so groß, daß er 
in einem Briefe an den König Ludwig XIV. sich 
damit gebrüstet hatte, ihm die Schlüssel der Festung 
Rheinfels am 1. Januar 1693 als Neujahrs 
geschenk auszuliefern. Es sollte anders kommen. 
Am 17. Dezember machten die Belagerer einen 
Versuch die Festung Rheinfels vom benachbarten 
Wackenberge aus zu überrumpeln, wurden aber mit 
Verlust mehrerer Todten und Verwundeten zurück 
geschlagen. Als hierauf Tallard die Stelle dieses 
mißlungenen Angriffs besichtigen wollte, wurde er 
mitten unter seinen Adjutanten am Fuße des
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.