Full text: Hessenland (7.1893)

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besserte; zugleich ward ihm meine Geburtsstadt 
Rotenburg als Wohnort angewiesen. Ich erhielt 
Privatunterricht bei dem Rektor, nachmals Ober 
pfarrer (seit 1835 Dekan) Wenderoth und lernte 
Latein, Französisch, Englisch, Geschichte und 
Geographie. Wir lasen schon Ovid und Virgil, 
als wir kaum dem Cornelius Nepos gewachsen 
waren. Meine übrige Lektüre war nicht die 
ausgewählteste, außer dem Weißeschen Kinder 
freund, einem herrlichen Buche, das ich schon im 
9. Jahre so zu sagen verschlang, las ich besonders 
Ritterromane jeder Art und Kotzebues und 
Lafontaines Schriften mit Begierde. In meinem 
11. Jahre machte ich die ersten Verse (Knittel- 
reime). Tummelplätze der fröhlichen Schuljugend 
waren die Schloßblerche und die Emanuelsberge. 
Als ich 12 V a Jahr alt war, ward ich Fahnen 
junker im Regiment Landgraf Karl und mußte 
einen steifen Zopf tragen. Mein Vater, so 
wenig Glück er auch im Soldatenstande gemacht 
hatte, blieb dennoch ein sehr eifriger Soldat und 
hatte alle seine Söhne (es waren damals außer 
Karl noch drei jüngere da) zu Soldaten bestimmt. 
Uebrigens that ich nur in der Exerzierzeit und 
bei Revüen Dienst und besuchte nach wie vor 
die Schule. Ich lernte tüchtig Latein. Der 
Vater war selbst im Lateinischen wohl bewandert 
und mußte mir oft bei der Vorbereitung helfen. 
Ueberhaupt war er ein sehr verständiger Mann; 
er zeichnete vorzüglich schöne Pläne, drechselte 
und schnitzte gut und besaß manche andere 
Geschicklichkeit, z. B. die in Pappe zu arbeiten*), 
womit er sich in den Mußestunden beschäftigte. 
Selten ging er aus, und auch nur mit seiner 
Familie, in deren Kreis er sich überhaupt am 
glücklichsten fühlte. Den Sommer über war 
seine Lieblingsbeschäftigung, einen kleinen Garten, 
den er gemiethet hatte, anzubauen. 
Als im Jahre 1805 Bernadotte mit seinem 
Korps durch Hessen zog, versammelten sich die 
hessischen Truppen in der Nähe von Kassel, und 
auch ich mußte mich waffnen zur Vertheidigung 
des Vaterlands. Anfangs wohnte ich in Vollmars 
hausen bei meinem Vater, der einen Unteroffizier 
seiner Kompagnie statt meiner bei der Musketier- 
kompagnie, zu der ich gehörte, Dienste thun ließ, 
und unter diesen Verhältnissen gefiel es mir 
noch ganz gut. Ich ging nach dem Exerzieren 
mit meinem Vater oft nach Kassel, dessen Pracht 
des Knaben Auge blendete, und kehrte mit 
Kuchen und Zuckerwerk beladen in das Stand 
quartier zurück, wo den Erschöpften alsdann ein 
Glas Wein, das der Vater spendete, zu erquicken 
*) Ein aus Pappe kunstvoll gearbeiteter Behälter für 
eins Strickknäuel, welches er später in der Luxemburger 
Gefangenschaft angefertigt hat, wird als werthvolles Andenken 
in meiner Familie aufbewahrt. 
pflegte. Nachmals jedoch erhielt das Grenadier 
bataillon den Befehl einige Ortschaften zu besetzen, 
welche die Franzosen auf ihrem Durchmarsch 
berührten, und ich mußte nach Wellerode wandern 
und nun wie jeder andre Fahnenjunker Dienst 
thun. Das waren traurige Tage. In einem 
schlechten Bauernhause wohnte ich zugleich mit 
einem Feldwebel und Sergeanten und theilte mit 
ihnen Nachts ein Bette. Beide waren wohlbeleibt 
und nahmen mich in die Mitte. Wie mußte ich 
Armer da schwitzen! Morgens gegen 3 Uhr 
ward aufgestanden, gegen 5 Uhr ausgerückt und 
dann auf dem Forste bei Kassel bis gegen 11 
Uhr exerziert, in der Mittagshitze nach Wellerode 
zurückmarschiert und dann ein dürftiges Mittags 
mahl — gewöhnlich ein unschmackhaft zubereitetes 
Gemüse mit Speck — zur Stärkung genossen. 
Schnaps trank ich nicht, und Wein war in dem 
Dorfe nicht zu haben, selbst nicht einmal trink 
bares Bier. Ich war in einer bedauernswerthen 
Lage, und mein damals noch sehr zarter Körper 
unterlag fast den Anstrengungen. Dazu mußte 
ich denn auch die Unfläthereien der gemeinen 
Soldaten hören, was noch mehr dazu beitrug, 
mir den Soldatenstand ganz verhaßt zu machen. 
Hätte ich freie Wahl gehabt, so würde ich gewiß 
schon damals eine andre Laufbahn gewählt haben. 
Wie freute ich mich, als ich in das Elternhaus 
zurückgekehrt war und wieder die Schule besuchen 
konnte! Im Frühjahr 1806 ward mein Vater 
nach Treysa bei Ziegenhain versetzt. Er sowohl 
wie meine Mutter schieden ungern von Rotenburg, 
wo so viele ihrer alten Freunde wohnten. Wir 
Kinder frenten uns eine neue Stadt kennen zu 
lernen. Ich erhielt Privatunterricht bei dem 
Rektor Siebert, einem sehr braven und kenntniß- 
reichen Manne, der besonders viel auf Gründ 
lichkeit hielt und mir Gelegenheit gab manches 
nachzuholen, was bei dem früheren Unterricht 
versäumt worden war. Unsere Familie fand bei 
der des Rektors überhaupt sehr freundschaftliche 
Aufnahme, und meine Eltern versöhnten sich nach 
und nach mit ihrem neuen Wohnorte. 
.. Im Herbst 1806 erschien gleichsam eine neue 
Ära in meinem Leben. Ein hessisches Armee 
korps zog sich im September dieses Jahres bei 
Ziegenhain zusammen; mein Vater kam nach 
Niedergrenzebach zu liegen, und ich diente wieder 
in seiner Kompagnie. Wenn ich nicht irre, so war es 
der 1. Oktober, als ich mit meines Vaters Er 
laubniß und in Begleitung seines Burschen auf 
seinem Pferd nach dem Mittagsessen vor das 
Dorf spazieren ritt. Kaum 300 Schritte mochten 
wir uns von dem Dorf entfernt haben, da wird 
mein Pferd wild, bäumt sich in die Höhe, ich, 
ein ungeübter Reiter, verliere den Zügel, stürze 
vom Pferde herab, rutsche mit dem linken Bein
	        

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