Full text: Hessenland (7.1893)

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ersehnt, sondern auch der Huld seines hohen 
Gönners zu verdanken hatte? Immer unbehag 
licher wurde es ihm zu Muthe, er fühlte sich durch 
den Antrag plötzlich wie in's uferlose Meer ver 
setzt. Franke konnte keinen Entschluß fassen. 
Mehrmals fragte er sich unwillkürlich, zu welcher 
Entscheidung ihm Baronesse Susanna wohl rathen 
würde. Da er aber nicht mit ihr sprechen konnte, eilte 
er schließlich zum Grafen Wenderlin, um dessen 
Meinung in dieser wichtigen Angelegenheit zu hören. 
Warm und freundlich schien die Sonne vom 
Himmel als er bald darauf in den schönen Park 
vor der Villa des Grafen eintrat. An allen 
Ecken blühte und duftete es, da und dort sangen 
die Vögel Lenzeslieder auf grünem Gezweig, 
spielte ein wohliger Wind mit Gräsern und 
Knospen. Gedankenvoll war Franke auf den 
breiten Kiespfad getreten, er hatte nicht aufge 
blickt und fuhr heftig zusammen, als ihm Baronesse 
Susanna plötzlich freundlich grüßend entgegentrat. 
Sie war wie immer einfach, aber trotzdem elegant 
gekleidet. Das tiefblaue Kleid mit der gleich 
farbigen eng anschließenden Jacke stand ihr 
vortrefflich, und der kleine runde Hut ließ die 
edle Form ihres Kopfes deutlich hervortreten. 
„Sie haben sicher dieselbe Absicht wie ich, Herr 
Doktor." begann Susanna liebenswürdig. „Ohne 
Zweifel wollen Sie doch auch dem gräflichen 
Ehepaare einen Besuch abstatten." 
„Das ist allerdings mein Vorhaben," stammelte 
er verlegen, denn der Blick der schönen dunklen 
Augen verwirrte ihn wieder. 
„Leider müssen Sie den Besuch ein andermal 
ausführen; denn wie ich soeben hörte, sind die 
Herrschaften vor einer Weile ausgefahren." 
„O, das ist recht fatal für mich! Wäre ich 
nur etwas früher gekommen!" erwiderte er miß- 
muthig, ohne daran zu denken, daß er dies 
Geständniß der Baronesse wegen eigentlich nicht 
hätte ablegen dürfen." 
Sie schien ihm aber die Unhöflichkeit durchaus 
nicht übel zu nehmen und erwiederte ruhig: 
„Es geht mir gerade wie Ihnen, Herr Doktor. 
Auch ich hätte die Herrschaften gerne gesprochen, 
weil ich ihnen selbst eine Freudenbotschaft mit 
theilen wollte. 
„Eine Freudenbotschaft?" wiederholte er mit 
bebender Stimme, und in seinem Gesichte malte 
sich innere Unruhe. 
Baronesse Susanna wandte sich zur Seite und 
lächelte schelmisch. Frankes Verhalten eben schien 
ihr durchaus keinen unangenehmen Eindruck zu 
machen. „Ja, Herr Doktor," versetzte sie dann. 
„Ich wollte nämlich dem Herrn Grasen und der 
Frau Gräfin eröffnen, daß sich meine Cousine 
Luise gestern Abend mit dem Grafen Düren 
öffentlich verlobt hat." 
Jetzt machte der Freudeschrecken den jungen 
Dichter sprachlos. Eine Weile stand er wie ge 
lähmt da, ohne ein Wort hervorbringen zu 
können. Dann lächelte er glückselig und sagte 
tief aufathmend: „O, ich gratuliere von Herzen!" 
„Danke schön!" erwiderte Baronesse Susanna, 
über deren Augen sich plötzlich ein feuchter Schleier 
senkte. Es mußte sie etwas tief bewegt haben; 
denn ihre Hand zitterte leise, als sie dieselbe in 
seine dargebotene Rechte legte. 
Eine ziemlich lange Pause folgte, in der die 
beiden Menschen sich in rathloser Verwirrung 
gegenüber standen. Dann faßte sich Baronesse 
Susanna zuerst und fragte, nur um etwas zu 
sagen und das Gespräch wieder in Fluß zu 
bringen. „Sie wollten wohl auch den Herrschaften 
eine freudige Mittheilung machen? — Haben 
Sie wieder ein neues Werk geschrieben, Herr 
Doktor?" 
„In der letzten Zeit nicht, gnädiges Fräulein, 
ich war nicht in der Stimmung, etwas zu schaffen," 
gestand er ehrlich und setzte noch hinzu, daß er 
den Herrn Grafen in einer wichtigen Angelegen 
heit habe um Rath fragen wollen. 
Baronesse Susanna sah ihn forschend an und 
wurde um einen Schein blässer. Allein trotzdem 
plötzlich etwas in ihre Seele gedrungen war, 
was sie heftig ängstigte, fragte sie doch mit vor 
nehmer Ruhe: „Kann ich Ihnen vielleicht mit 
einem gutgemeinten Worte dienen, Herr Doktor ? — 
Sie haben früher immer Vertrauen zu mir gehabt 
und werden dies hoffentlich nicht verloren haben." 
„O, gewiß nicht!" versetzte er warm. „Ich 
wüßte gar keinen Menschen auf der Welt, dessen 
Ansicht ich in diesem Falle lieber hören würde." 
„So kommen Sie dort zu der Bank neben 
den blühenden Bäumen," bat sie herzlich und 
schritt voraus. „Da können wir unbeobachtet 
miteinander plaudern." 
Etwas später saß er an der Seite der Geliebten 
und theilte ihr den Antrag des Prinzen mit. 
Merklich erleichtert hörte sie ihm zu und erwiderte 
auf die Frage, was er thun solle. „Können 
Sie in der That einen Augenblick darüber im 
Zweifel sein, Herr Doktor?" 
„Ja, ja, ich bin es wirklich, ich fühle, daß 
ich an einem Wendepunkt meines Lebens stehe." 
„Das glaube ich selbst, aber ich kenne auch die 
Richtung, die Sie einschlagen müssen! Sie dürfen 
Ihr eigentliches Sein nicht aufgeben, dürfen den 
Pegasus nicht in's Joch spannen! Keineswegs 
verkenne ich die gute Absicht des Prinzen, er 
will Ihnen wohl und ahnt nicht, was er Ihnen 
aufbürdet. Das Amt eines Hofbibliothekars ver 
langt einen ganzen Menschen, doch eine Anstellung, 
die Sie annehmen könnten, dürfte nur eine 
Sinekure sein."
	        

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