Full text: Hessenland (7.1893)

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öffnete er denselben und las klopfenden Herzens 
die wenigen Zeilen: 
Sehr geehrter Herr Doktor. 
Von Herzen gratulire ich Ihnen zu dem 
großen wohlverdienten Erfolge! Ich wünsche, 
daß dieser Ihr künftiges Streben bestimmen 
und zum Segen des deutschen Theaters der 
Anfang einer ebenso befriedigenden als siegreichen 
Laufbahn für Sie werden möge! In bekannter 
Hochachtung grüßt Sie freundlichst 
Ihre ergebene 
Susanna von Harteggen. 
Sie war also doch im Theater gewesen, ob 
gleich er trotz mannigfaltigster Inanspruchnahme 
vergeblich nach ihr gespäht hatte! Jedoch so sehr 
es auch Franke beglückte, daß sie diesen seinen 
ersten nach jahrelangem Ringen gewonnen Bühnen 
sieg miterlebte, so peinlich war es ihm, wenn er 
sich vorstellte, wie ernst sie geblickt haben möge, 
als er nach den Gunstbezeugungen des Königs 
und des Prinzen Ludwig Wilhelm von allen 
Seiten wahrhaft zudringlich mit Huldigungen 
überschüttet wurde. Und sie hatte dies ohne 
Zweifel beobachtet und war davon abgestoßen 
worden; denn sonst hätte sie es sicher nicht unter 
lassen , ihm mündlich zu gratuliren! Da alle 
Welt wußte, daß Baronesse Susanna so gut 
wie verlobt war, konnte sie das ja jetzt schon 
wagen, ohne sich wieder dem Gerede auszusetzen, 
sie sei sterblich in den ehemaligen Hauslehrer der 
Söhne ihres Vetters verliebt. 
Als Doktor Franke die Kritiken in den 
Zeitungen überflogen hatte, las er ihren Brief 
immer und immer wieder. Ja, dieser verrieth 
die herzlichste Theilnahme an seinem gestrigen 
Erfolge, an seinem geistigen Fortschritt überhaupt, 
aber im Grunde genommen, war er doch kalt 
und förmlich gehalten. Wie hatte er nur jemals 
denken können, daß dies stolze Wesen wärmer 
für ihn empfand als sie es vor Andern zeigte! 
Wie konnte er den großen Abstand zwischen einer 
reichen unabhängigen Erbin und einem mittel 
losen bürgerlichen Dichter vergessen! Mit bitteren 
Vorwürfen vergällte Franke sich die erste Sieges 
freude, dennoch vermochte er den Wunsch nicht zu 
unterdrücken, in allen geistigen Bestrebungen ihren 
Rath, ihr Urtheil zu hören. Was er nun 
einmal aus diesem schönen Munde vernahm, 
klang ihm wie ein Orakel, hielt er für einen 
unabweislichen Wink der Vorsehung. — 
Nach dem glanzvollen Theaterabend kamen für 
Doktor Franke ein paar böse verstimmte Wochen. 
Er hatte gemeint, daß ihn ein freundlicher Er 
folg zu weiterem Schaffen anregen würde, fühlte 
sich jedoch unfähig, irgend eine neue Arbeit zu 
beginnen. Was ihm früher nie in den Sinn 
gekommen war, beschäftigte ihn in den letzten 
rauhen Wintertagen unausgesetzt. Es war die 
Frage, ob sein Talent auch wirklich stark und 
tief genug sei, um ihm ein ganzes Leben zu 
widmen und mit ihm eine gesicherte Stellung in der 
Welt zu erringen. Da der mittlerweile immer 
mehr hereinbrechende Lenz seine Verstimmung 
nur noch vergrößerte, kam Franke bald auf den 
Gedanken, daß es eine große Thorheit gewesen 
sei, aus Liebe zu einem freien Dichterleben seinem 
Berufe zu entsagen. Es kamen Stunden, in 
denen er es bitter bereute, die Professur in einer 
kleinen Universität abgelehnt zu haben. Aber 
Baronesse Susanna war mit aller Entschiedenheit 
dagegen gewesen, und er hatte in wonnigem 
Wahn gemeint, ihrem Rathe unbedingt folgen 
zu müssen. Jetzt wußte er, daß ihre Worte doch 
nur ein trügerisches Orakel gewesen waren und 
ihn eigentlich auf den falschen Weg geführt hatten. 
O, käme er doch nur noch einmal in die glück 
liche Lage, in einen gesicherten Hafen einlaufen 
zu können! — 
Als der Frühling mit Macht durch die Lande zog 
und die schlummernden Knospen an Busch und 
Strauch erweckte, sah derjunge Dichter jeden Morgen 
in angstvoller Spannung die eingetroffenen Brief 
schaften durch. Im April war Baronesse Susannas 
einundzwanzigster Geburtstag gewesen, an dem 
alle Welt endlich die Veröffentlichung ihrer Verlo 
bung mit Graf Düren erwartete. Seit etwa zwei 
Monaten lebte die reiche Erbin mit einer gleich 
alterigen unvermögenden Cousine und einer 
älteren Verwandten, die schon seit dem Tode der 
nach dem Vater verstorbenen Mutter bei ihr war, 
auf ihrem eine Stunde von der Stadt gelegenen 
Gute. Allein trotzdem Doktor Franke genau 
erfahren hatte, daß Graf Düren dort fast täg 
licher Gast war, traf doch die erwartete Verlobungs 
anzeige noch immer nicht ein. 
Statt dessen kam eines Tages ein Handschreiben 
vom Prinzen Ludwig Wilhelm, in dem ihm 
derselbe im Namen des Königs die Stellung 
als Hausbibliothekar der königlichen Familie 
mit gutem Gehalte und dem Titel als Hofrath 
anbot. Was sich Franke sehnlichst gewünscht 
hatte, wurde ihm also jetzt unverhofft und mühe 
los zu theil. In der ersten freudigen Ueber- 
raschung wollte er sofort zusagen, aber dann 
kamen ihm plötzlich leise Skrupel, die ihn heftig 
zu quälen begannen. Wenn er diese Stelle an 
nahm, die mehr Arbeit verlangte, als der ihm 
wohlgesinnte Prinz ahnte, dann mußte er die 
besten Mußestunden des Tages seiner Amtsthätig 
keit opfern. Kam er dann aber nicht in einen 
qualvollen Zwiespalt zwischen Pflicht und unwider 
stehlicher Neigung? — Ohne Zweifel würde 
dies oft geschehen. Aber durfte er wegen solcher 
Bedenken abschlagen, was er nicht allein selbst
	        

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