Full text: Hessenland (7.1893)

Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren?) 
i. 
Stadt und Land Fulda. 
Bon Dr. Justus Schneider.*) **) 
|enn wir ein älteres encyklopädisches Werk auf 
schlagen, finden wir bei dem Artikel Fulda 
dreierlei verzeichnet: 1) Fluß Fulda, 
2) Stadt Fulda, 3) Land Fulda. Der 
letztere Artikel ist allerdings in den neueren 
Lexicis weggeblieben, da es seit neunzig Jahren 
kein Fuldaer Land mehr giebt. Vor hundert 
Jahren indeß blühte dasselbe noch unter der 
Regierung eines geistlichen Fürsten, welcher in 
Anbetracht von Glanz und Reichthum nicht die 
letzte Stelle unter den 300 Neichsständen Deutschlands 
einnahm. Da ich mir vorgenommen habe, Fulda 
vor hundert Jahren Ihnen zu schildern, so meine 
ich eben nicht die Stadt allein, sondern auch das 
Land, das reichsunmittelbare Fürstenthum oder 
die gefürstete Abtei Fulda. Ueber den Fluß 
Fulda kann ich mich kurz fassen, denn er war 
vor 100 Jahren fast ebenso wie jetzt. Doch 
dürfte die, Bemerkung nicht überflüssig sein, daß 
vor hundert Jahren oder etwas länger die 
hessischen Landgrafen mit den Fuldaer Fürstäbten 
Verhandlungen wegen der Schiffbarmachung des 
Flusses bis zur Stadt Fulda aufwärts gepflogen 
haben, welche sich aber wieder zerschlugen, wahr 
scheinlich weil die Regulirung des Flusses und 
die Schleusenanlagen doch gar zu viel Geld 
gekostet haben würden. Napoleon I. griff die 
Pläne, zu denen schon Vorarbeiten existirten, 
wieder auf, als Fulda 1806—1810 unter un 
mittelbarer französischer Administration stand; der 
unglückliche Feldzug nach Rußland und die 
endliche Vernichtung der französischen Herrschaft 
*) Wir beabsichtigen unter obigen Titel eine Schilde 
rung hessischer Städte und hessischen Landes, insbesondere 
der Städte Kassel, Marburg, Hanau und Fulda, in zwang 
loser Folge zu bringen und beginnen zunächst mit der 
Stadt und dem Lande Fulda. Diesem Aufsatze wird dann 
eine Schilderurg der Residenzstadt Kassel vor hundert 
Jahren folgen. <D. Red.) 
**) Nach einem im Rhönklub gehaltenen Vortrage. 
durch die Leipziger Schlacht hinderten dieses Mal 
die Ausführung. 
Ich werde Ihnen also zunächst den Zustand 
des Fuldaer Landes vor hundert Jahren schildern 
und sodann Alles, was man über die Beschaffen 
heit der Stadt Fulda und deren Bewohner zu 
dieser Zeit weiß, erzählen. 
Ein hervorragender Kenner der Geschichte 
Fuldas, der frühere Dompfarrer und Kapitular 
Isidor Sch lei chert, ein alter Benediktiner, 
theilt die Geschichte Fuldas in drei Perioden: 
1)Fuldagratiosa, das gnadenreiche Fulda, 
von der Gründung 742 bis in das XIII. Jahrhun 
dert, als durch die Begräbnißstätten der Gründer, 
des heiligen Bonifatius und Stnrmills, der 
heiligen Lioba, sowie durch die Reliquien der 
stiftsheiligen Ritter und Patröne Simplicius und 
Faustinns gar viele Menschen veranlaßt wurden, 
nach Fulda zu wallen und viele Fürsten und 
Große aus ganz Deutschland ihre Söhne daselbst 
erziehen ließen in der durch Rhabanus Maurus, 
den kraoosptoi- Llerinaniae, gegründeten be 
rühmten Klosterschule. 2) Fulda gloriosa, 
das ruhmreiche Fulda, vom XIII. Jahrhundert bis 
zur Aufhebung der geistlichen Herrschaft 1802. 
Die Fuldaer Aebtc kamen durch die Verdienste, 
welche sie sich bei den deutschen Kaisern erwarben, 
zu immer höherem Ansehen, sie wurden Reichs 
fürsten, mußten deshalb von gutem Adel sein und 
eine Ahnenprobc bestehen, sie erhielten das Recht, 
unmittelbar zur Linken des Kaisers bei den 
Reichstagen zu sitzen; sie erhielten die Würde 
als Erzkanzler der römischen Kaiserin und den 
Primat vor allen Aebten in Germanien und 
Gallien; sie erhielten auch das Reichspanier unter 
Kaiser Karl IV. (1370), welches bei feierlichen 
Gelegenheiten und Reichszügen den Fürstübten 
voran getragen wurde. Die Abtei Fulda stand 
unmittelbar unter dein römischen Papste und war 
der Jurisdiktion keines Bischofs unterworfen.
	        

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