Full text: Hessenland (7.1893)

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aller leidigen Streitigkeiten mit den Ständen überaus 
segensreich für das Land erwiesen hat, und wie 
auch seine Schöpfungen durchaus nicht auf Unter 
drückung aller Volksfreiheit gerichtet waren, hat 
dann wohl eine Aeußerung, wie sie Sybel über 
diese Periode gethan hat, noch Berechtigung? 
„Ich würde zu dieser Aeußerung über eine längst 
vergangne Zeit, trotzdem daß sie aus der Feder eines 
hervorragenden Geschichtsschreibers geflossen ist, 
geschwiegen haben, wenn sie nicht einer landläufigen 
Ansicht über die Zustände, die überhaupt in dem 
frühern Kurhessen bestanden haben, entspräche. Es 
hat sich eine förmliche Legende darüber gebildet, 
daß diese Zustände unerträglich gewesen seien, daß 
damals eine furchtbare Tyrannei geherrscht habe. 
Nichts ist irriger als dies. 
„Wir müssen hierbei freilich absehen von dem 
Verfassungsumsturz in den Jahren 1850 und 1851, 
und der daran sich anschließenden Zeit. Ueber das, 
was damals geschah, ist kein Wort weiter zu ver 
lieren. Aber bei dem Verfassungsumsturze haben 
doch auch die Regierungen Oesterreichs, Bayerns 
und Preußens eine kaum näher zu bezeichnende 
Rolle gespielt. Und in den Neaktionsjahren von 
1852 bis 1857 sind in andern deutschen Ländern 
Dinge vorgekommen, die viel abscheulicher sind als 
alles, was damals in Kurhessen geschehen ist." 
Der Verfasser beschäftigt sich sodann mit der 
Persönlichkeit des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, 
die er nicht als liebenswürdig hinstellt, und die er 
als Hinderniß bezeichnet, daß nicht so viel für das 
Land geschehen ist, als hätte geschehen können. 
„Sieht man aber davon ab," heißt es dann 
weiter, „so wurde in Kurhessen ebenso gut und so 
schlecht regiert wie in den meisten deutschen Ländern. 
Der Einfluß des Kurfürsten reichte nicht soweit, 
daß er, auch wenn er gewollt hätte, durchweg eine 
.Tyrannei' hätte ausüben können, unter der das 
Land geseufzt hätte. Kurhessen hatte gute Ein 
richtungen, gute Gesetze und einen guten Beamten 
stand. Es hatte glällzende Finanzen, und die ©teuern 
waren deshalb gering. Es hatte vor allem eine 
gute und wohlfeile Justiz. Diese gewährte den 
Unterthanen auch der Regierungsgewalt gegenüber 
Schutz gegen Rechtsverletzungen. Dadurch war 
Kurhessen in gewissem Sinne das freieste Land iu 
ganz Deutschland. Man ist sich auch desseu, was 
man in allen diesen Beziehungen im Jahre 1867 
Verloren hat, in Kurhessen vollkommen bewußt ge 
wesen oder wenigstens bald darauf bewußt geworden. 
„Hatte der Kurfürst unliebenswürdige Eigenschaften, 
so hatte er doch auch seine guten Seiten. Protektion 
Nepotismus, Geldmacherei, Begünstigung des Adels 
oder des Klerikalismus und ähnliche Auswüchse des 
Staatslebens sind unter seiner Regierung nicht aufge- 
kommen. Daß ihm auch das Muckerthum im Gruude 
seines Herzens zuwider war, beweist die von Sybel 
selbst seiner Darstellung eingereihte Erzählung, wie 
Hassenpflug schließlich (1855) daran scheiterte, daß er 
seinen Freund Vilmar zu einer Art hessischen 
Papstes machen wollte." 
Mit den sehr beherzigenswerthen Worten: „Ich 
möchte deshalb nur bitten - und ich richte diese 
Worte auch an Männer, die so hoch stehen wie 
Sybel und Treitschke, — über frühere kurhessische 
Verhältnisse doch nicht so absprechend zu urtheilen, 
wie das vielfach geschieht. Stoff zu sittlicher Ent 
rüstung über frühere Zustände kann der Geschichts 
freund auch anderwärts und vielleicht viel näher 
finden, wenn er nur die Augen darauf werfen 
will" — schließt der alte hessische Verfassungskämpfer 
Otto Bähr seine inhaltreiche Abhandlung. 
A. A. 
Oberbürgermeister Franz Rang si. 
Tiefe Trauer herrschte in der vorigen Woche 
zu Fulda. Die altehrwürdige Stadt hatte ihren 
allverehrten Oberbürgermeister Franz Rang durch 
den Tod verloren. Zu Kassel, wohin er als Mitglied 
des Bezirksausschusses in Dienstangelegenheiten ge 
reist war, hatte ihn am Sonnabend, den 7. Oktober, 
Vormittags 9 Uhr, gerade als er sich zu einer Sitzung 
begeben wollte, vor dem Regierungsgebäude ein 
Herzschlag getroffen, der seinem Leben augenblicklich 
ein Ende machte. Gleichsam in Vorahnung des 
Kommenden hatte er sich diesmal nur mit schwerem 
Herzen nach Kassel begeben, aber die Pflicht rief. 
und ihr folgte der berusstreue Mann. Die Leiche 
des Entseelten wurde zunächst in das Regierungs- 
gebäude gebracht, von da aber aus Anordnung des 
Herrn Landesdirektors Freiherrn von Hundels 
hausen in das Ständehaus übergeführt, wo sie in 
dem linken Zimmer vom Eingänge aufgebahrt 
wurde, in demselben Gebäude, in welchem der 
Oberbürgermeister Franz Rang als hochverdientes 
Mitglied des Kommunallandtages ein Viertel 
jahrhundert lang durch Wort und That in all 
erkannt rühmlichster Weise gewirkt hatte. 
Noch am Vormittag des Sterbetages war die Kullde
	        

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