Full text: Hessenland (7.1893)

!er Mreöm von Kasel und seine Uolgen für 
Cj[ tn 28. Februar 1881 hielt Herr Dr. R. Frei- 
Herr Waitz von Eschen im Vereine für 
^ V hessische Geschichte und Landeskunde zu Kassel 
einen Vortrag über den „Frieden von Basel und 
seine Folgen sür Hessen - Kassel", nachdem er 
bereits im Jahre zuvor, am 26. Januar 1880, 
in einem Vortrage an gleicher Stelle sich mit 
den „Verhandlungen, welche der Errichtung der 
hessischen Kurwürde vorausgingen", eingehend 
beschäftigt hatte. Beide Vorträge stehen in 
engerem Zusammenhange. Während nun der 
zuletzt genannte Vortrag im Druck erschienen 
ist (Kassel 1880, Verlag von Theodor Kay), ist 
der erstere bis jetzt noch nicht veröffentlicht 
worden. Durch das gütige Entgegenkommen 
des hochgeehrten Herrn Verfassers, wofür wir 
uns demselben zu größtem Danke verpflichtet 
erachten, sind wir in der Lage, diesen Vorträg 
hier zum Abdrucke bringen zu können. Der 
Gegenstand ist von großem historischen Interesse, 
dazu kommt noch der weitere Vorzug, daß der 
Herr Verfasser aus den hinterlassenen Papieren 
seines Großvaters, des Geheimen Staatsministers 
Freiherrn Friedrich Sigmund Waitz von Eschen, 
der als Bevollmächtigter des Landgrafen 
Wilhelm IX. von Hessen-Kassel die Friedens 
verhandlungen mit Frankreich führte, die zu 
verlässigsten bisher noch unbekannten Quellen 
benutzen konnte, die nur ihm allein zu Gebote 
standen. 
Nach dieser Vorbemerkung lassen wir nach 
stehend den Vortrag selbst folgen: 
Meine Herren! 
Die große französische Revolution von 1789 
veranlaßte einen mächtigen Rückschlag auf 
Deutschland. Die freiheitlichen Ideen drangen 
vom Westen her tief in das deutsche Reich ein, 
und ihre Verbreitung in Deutschland wurde von 
der französischen Regierung offenkundig unterstützt; 
diese hoffte nämlich, daß auch hier die monarchische 
Staatsverfassung ähnlich wie in Frankreich würde 
gestürzt werden. Empfindlicher noch, als durch 
diese stille Unterwühlung wurden die Interessen 
vieler deutschen Reichsstände geschädigt durch die 
assel. 
Aufhebung aller Lehnrechte in Frankreich; eine 
namhafte Anzahl deutscher Fürsten verlor ihre 
im Elsaß gelegenen Güter und sonstigen Ein 
künfte ohne jede Entschädigung. Ein Krieg 
zwischen Deutschland und Frankreich war daher 
unvermeidlich. Als aber die Feindseligkeiten er 
öffnet werden sollten, fand es sich, daß die fran 
zösische Regierung kein nennenswerthes Heer zur 
Verfügung hatte. In blinder Wuth gegen alles, 
was königlich war, hatte man auch das königlich 
gesinnte Heer vernichtet und war nun fast ohne 
Truppen. Nicht viel günstiger zur Kriegsführung 
waren übrigens auch auf deutscher Seite die 
Verhältnisse. Gerade die an Frankreich an 
grenzenden südwestdeutschen Reichsstände erwiesen 
sich als die ohnmächtigsten, und der bedeutendste 
unter ihnen, der Kurfürst von Pfalzbayern, gefiel 
sich in zweideutiger Neutralität. Unter diesen 
Umständen that Landgraf Wilhelm IX. von 
Hessen-Kassel einen kühnen Schritt. Er 
sammelte sein Heer am linken Rheinufer in der 
ihm zugehörigen Grafschaft Niederkatzenelnbogen 
und veranlaßte dadurch den französischen General 
Kellermann von einem Angriffe gegen den 
Mittelrhein abzustehen. Der Landgraf wurde 
dazu vorzugsweise durch seinen glühenden 
Wunsch getrieben, den Kurfürstentitel zu erwerben, 
indem er mit Recht annahm, daß er im Glanze 
eines deutsch-patriotischen Fürsten am leichtesten 
hierzu gelangen würde. Unmittelbar veranlaßt 
wurde er durch die dringenden Bitten der Kur 
fürsten von Mainz und Trier, welche ihm gegen 
Verleihung seines Schutzes ihre Stimmen im Kur 
fürstenkollegium zu dieser Standeserhöhung ver 
sprachen. 
Der Landgraf zog dem Feinde entgegen nicht 
im Namen des Reiches, etwa als Oberster des 
niederrheinischen Kreises, oder als Befehlshaber der 
Vorhut des preußischen Heeres, welches sich 
damals allmählich aufzustellen begann, er handelte 
vielmehr kraft seiner eigenen landesfürstlichen 
Machtvollkommenheit, indem es nach den Be 
stimmungen des westfälischen Friedens jedem 
deutschen Fürsten gestattet war, Krieg gegen
	        

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