Full text: Hessenland (7.1893)

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geheime Rath Friedrich Balthasar von Hertingshausen 
war unbemerkt Zeuge dieser Scene gewesen und 
hinterbrachte dem Landgrafen die Nachricht von der 
That. Als Rudolf von Eckardsbcrg dies erfuhr, 
schwur er dem Veriäther blutige Rache, und führte 
diese auch aus. Er erwartete am 29. April 1615 
mit geladener Büchse den Hosmarscholl auf dem 
Marställer-Platze. Als von Hertingshausen nun gegen 
11 V 4 Uhr von der Morgenmahlzeit im Schloß zurück 
kehrte, redet ihn der Hofjunker mit den Worten an „Herr 
Marschall, da habe ich eine schöne Büchse, die be 
schaut' mal/ und als dieser sich ihm nähert, schießt 
er denselben nieder. Der Marschall, dem die 
Kugel in den Unterleib gedrungen war, wurde in 
seine Wohnung getragen und starb daselbst nach 
Verlauf von 6 Stunden gegen 5 Uhr Abends, 
nachdem er noch dem herbeigerufenen Seelsorger Paul 
Stein die Versicherung gegeben hatte, sich nicht er 
innern zu können, seinem Mörder jemals ein Leid 
zugefügt zu haben. 
Ruhig hatte Rudolf von Eckardsberg nach der 
vollbrachten schrecklichen That die Büchse seinem 
Diener gegeben, und ohne einen Versuch zur Flucht 
zu machen, war er nach seiner in der Entengasse 
gelegenen Wohnung gegangen. Dem Trabanten, der 
ihm von dem Landgrafen nachgeschickt wurde, um 
ihn zu verhaften, schenkte er einen goldenen Ring 
Um 3 Uhr Nachmittags wurde er in den Zwehren- 
thurm abgeführt. Gleich bei seinem ersten Verhör 
erklärte er, daß er die That keineswegs bereue. Da 
es Sonnabend war, mußten, um den Senntag nicht 
zu entheiligen, alsbald mehrere Schneider ihm im 
Thurme die Trauerkleider und den Trauermantel an 
messen. An dem folgenden Tage schrieb der Landgraf 
seinen! Sohne Otto, dem Administrator des Stiftes Hers 
feld „diese unerhörte That, an seinem Hofmarschall 
öffentlich und ohnfern des Schlosses verübt, sei er 
willens, nach göttlichen und menschlichen Rechten 
seiner Reputation und seinem Amte gemäß zu 
strafen". Und er that cs, zwar in den Formen der 
peinlichen Gerichtsordnung und ohne Ansehen der 
Person, aber unterstützt von allzunachgiebigen Richtern, 
auf eine Art, welche, wie Chr. von Rommel in 
seiner „Geschichte von Hessen", Bd. 6. S. 634 schreibt, 
„unter der geheimen Triebfeder beleidigter Ehre oder 
peinigender Eifersucht und bei einem leidenschaftlichen 
Amts-Eifer entweder eine gewaltsame Unterdrückung 
natürlicher Mitleids - Gefühle oder eine Furcht 
erregende Hartherzigkeit verräth." 
Am 1. Mai versammelte sich das peinliche Ge 
richt, bestehend aus dem Bürgermeister und den 
Schöffen von Kassel, auf derselben Stelle, wo die 
Blutthat geschehen, zur Hegung des Halsgerichts. 
Dreimal wurde der Unglückliche auf der Folter ge 
martert, um ihm das Bekenntniß abzupressen, warum 
er den Mord vollbracht. Aber er schwieg; er flehte 
nur um Erbarmen, und fank bei der dritten Folterung, 
von der Größe des Schmerzes überwältigt, in Ohn 
macht. Um 4 Uhr wurde ihm das Todesurtheil ver 
kündigt. Am 3. Mai wurde es auf der noch blutigen 
Stätte des Mordes vollzogen. Vergeblich war die 
Bitte des unter dem Beistand zweier Geistlichen reu- 
müthig Sterbenden, ehrlich, d. h. mit dem Schwerte hin 
gerichtet zu werden. Der zu Pferde die Exekution be 
fehligende Oberstlieutenant von Köderitz, sein Lands 
mann, rief ihm mitleidig zu: „ich wünschte, für Euch- 
sterben zu können". Am Fenster des Schlosses stand 
der Landgraf, um sich zu weiden an dem grauenvollen 
Schauspiele. Als der Junker von Eckardsberg denselben 
bemerkte, rief er: „Du Fürst, am jüngsten Tage 
noch will ich dies Urtheil von Dir fordern!" Un- 
gemildcrt wurde dann das grausame Urtheil, das 
grausamste wohl, das in der hessischen Justiz vor 
gekommen, vollzogen. Nachdem der Henker den Uebel- 
thäter entkleidet, hieb er ihm die rechte Hand ab, 
schnitt ihm dann den Leib auf und — riß ihm das 
Herz aus und zeigte es, seine blutige Faust empor 
hebend, dem Landgrafen, der noch immer am Fenster 
stand und zusah. „Gnädiger Herr/ rief er, „dies 
ist das falsche Herz, das Euch Treue geschworen." 
Dann trennte der Henker den Körper mit dem Beile 
in vier Theile, die im Schinderkarren auf den Forst 
gefahren und dort unter dem Galgen verscharrt 
wurden*). — Eckardsberg hatte eine Braut, eine 
adelige Jungfrau am Hofe, sie wurde wahnsinnig; 
ebenso seine Mutter, die in Raserei verfiel und an 
Ketten gelegt werden mußte. 
Für den ermordeten Hofmarschall von Hertings 
hausen wurde eine Leichenfeier in der großen Kirche 
zu Kassel angeordnet, an der sich alle in Kassel an 
wesenden Hof-, Staats- und Stadtbeamten be 
theiligen mußten. Der Hofprediger Paul Stein 
hielt die Leichenrede, in der er zwar der Schwere 
der That, der tückischen Art der Ermordung ge 
dachte, sowie er auch die Verdienste des Ermordeten 
hervorhob und die Hinterbliebenen desselben zur Ver 
söhnlichkeit gegen die Familie des Thäters ermahnte, 
„weil dieser das, was ihm Urtheil und Recht ge 
geben, nun ausgestanden, was seine verübte schreck 
liche That v rdient, empfangen, und wenn gleich 
eines schmählichen abscheulichen Todes, doch mit 
christlicher Reue selig verstorben sei", doch findet 
man in seiner Rede auch Spuren des öffent 
lichen Unwillens gegen Hertingshausen, sür den man 
weniger Mitleid empfand, als für Eckardsberg. 
Empört war man allgemein über die unmenschliche 
Grausamkeit, mit welcher die Hinrichtung vollzogen 
*) Für den Henker hatte diese Hinrichtung noch ein 
übles Nachspiel. Da er die Leiche nicht tief genug ver 
scharrt hatte, wühlten sie am folgenden Tage die Schweine 
wieder heraus. Der Landgraf ließ ihn deshalb in's Schloß 
kommen und strafte ihn nicht allein mit Geld, seine Hof 
diener mußten ihn auch mit Ruthen peitschen und darauf 
jagte er ihn aus dem Dienste.
	        

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