Full text: Hessenland (6.1892)

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A n Elisabeth Mentzel. 
Du zogst mit Deinen schönen Bildern, 
Der Heimath dichterischen Zier, 
Gleich wie mit stolzen Wappenschildern 
Vorüber an der Seele mir. 
Ich sah, wie Deine Feder tauchte 
In unsres Volkes treue Brust, 
Und fühlte, wie Dein Geist durchhauchte 
Jedwedes Bild mit Daseinslust. 
Was Wunder, wenn ich die Gestalten, 
Bald frühlingsmild, bald sturmeswild, 
In meiner Seele festgehalten 
Mit ihrer Schöpferin eignem Bild! 
Ist doch zu trennen nicht von jenen 
Dein Genius, voll Bildnerkunst, 
Geweiht, im heil'gen Schafsenssehnen 
Von Deiner Muse holden Gunst. 
Wenn mir nun selbst in seinem Glanze 
Der Heimath Zauber galt als Ruf, 
Und ich in neuem Liederkranze 
Hier Bilder und Gestalten schuf: 
Sag' an, wem könnt' ich lieber legen 
Die Liederspende in die Hand, 
Als Dir, die dieses Zaubers Segen 
In seiner Tiefe selbst erkannt? 
Nicht stürmen diese neuen Lieder 
Hin mit der Sturmfluth unsrer Zeit; 
Nicht klingen sie vom Schmerze wieder, 
Der mit der Noth zum Himmel schreit; — 
Denkmäler sind es aus den Marken 
Der Heimath, rühm- und ehrenvoll, 
Und Seelen können d'ran erstarken. 
Zu trotzen wilder Stürme Groll. 
Auch das ist werth des Sängers Leier, 
Denn aus dem Gestern wächst das Heut'! 
Der übt den Geist zur rechten Feier, 
Der auch den Vätern Rosen streut! 
Dann nur hinein in's Weltgetose, 
Es reift der Geist, das Herz wird stark, 
Und nur der Feige, Thatenlose, 
Stählt nicht am Alten Herz und Mark. — 
Es würde zu weit führen, wollten wir alle in 
dem Werke enthaltenen prächtigen Gedichte von wirk 
lich poetischem Werthe einzeln anführen, wir über 
lassen es vielmehr getrost den Lesern unserer Zeit 
schrift durch die Lektüre dieses Werkes, das in keiner 
hessischen Familie fehlen sollte, sich selbst ein Urtheil 
über dasselbe zu bilden und find überzeugt, daß sie 
mit uns übereinstimmen werden. 
„Ausgewanderte." Roman von H. Keller- 
Jordan. Stuttgart, Verlag von W. Kohl 
hammer, 1893. 
Wieder führt uns die Verfasserin jenseits des 
Ozeans, dorthin, wo das brausende Wasser des Rio 
Grande die Grenzen von Mexico und Texas bespült, 
um die großen Eindrücke, welche sie in jenem fernen 
Lande in sich aufgenommen, in künstlerischer Ver 
klärung wieder zu spiegeln. Und wie sie mit sinnigem 
Poetenauge den stimmungsvollen Zauber jener groß 
artigen Natur erfaßte, so hat sie auch die Menschen 
kinder, die dort drüben wohnen, scharf und genau 
beobachtet. Aller der Vorzüge, die wir den bis jetzt 
erschienenen poetischen Leistungen der Verfasserin 
nachrühmen konnten, erfreut sich auch ihr neuer 
Roman: klarer Aufbau, feine und warme Wiedergabe 
des Lebens, scharfe Charakterzeichnung, prächtige 
Naturschilderung, und dies Alles in einer Sprache, 
deren dichterischer Schwung sich oft zu hinreißender 
Gewalt erhebt. Der Adel der Empfindung, der keusche, 
vornehme Hauch, die das Buch durchziehen, stempeln 
dasselbe zu einem Herzensroman zartester Art. Und 
so sei denn auch dieser neue Roman unserer gefeierten 
hessischen Schriftstellerin auf das Beste empfohlen. 
Die Leser unserer Zeitschrift wird es interessiren, 
zu erfahren, daß demnächst von dem Sohne der Frau 
H. Keller-Jordan und Enkel Sylvester Jordan's, unserem 
hessischen Landsmanne Ricardo Jordan in Mexico, 
dem geist- und gemüthreichen Dichter, dem unser „Hessen- 
land^ viele werthvolle poetische Beiträge, und auch 
in seiner heutigen Nununer das Gedicht „Dämmerung 
auf der Prärie" verdankt, im Verlage von 
Hendel in Halle ein Cyclus von Uebertragungen der 
Gedichte des spanischen Dichters Gustavo Bec- 
quer erscheinen wird. Ricardo Jordan beherrscht 
in seltenem Grade seine Muttersprache, und so steht 
uns denn auch eine formvollendete Uebersetzung der 
Gedichte des hervorragendsten unter den neueren 
spanischen Lyrikern in Aussicht. Ricardo Jordan, 
welcher in der Republik Mexico eine hohe Stellung 
im Finanzfache einnimmt, hat seinem Heimathlande 
Hessen eine treue Anhänglichkeit bewahrt, welcher er 
in verschiedenen seiner Gedichte in tiefgefühlter Weise 
Ausdruck giebt. Wir erinnern nur an das prächtige 
Gedicht „Mein Hessenland", das er in Nummer 10 
des Jahrgangs 1887 unserer Zeitschrift veröffentlicht 
hat. 
Burg Gleiberg. Ein Führer für Fremde und 
Einheimische. Gießen, Verlag von Emil Roth. 
Herausgegeben vom Gleiberg-Verein. (VIII., 
80 S.) 
Bereits im Jahre 1837 hatte sich ein Verein zur 
Erhaltung der Burgruine Gleiberg bei Gießen ge 
bildet. Wenngleich derselbe Mancherlei leistete, so 
schien er doch Mitte der siebziger Jahre einem 
unrühmlichen Tode durch Altersschwäche entgegen 
zugehen, und der gänzliche Verfall des alten Berg 
schlosses in nächster Aussicht zu stehen. Nachdem 
der Verein jedoch 1881 vornehmlich durch die Be 
mühungen des Geheimerais Prof. H. von Ritgen, 
des Prof. Gar eis und des Landrats von Tiescho- 
witz zu neuem Leben erwachte, wurde der Wieder 
ausbau der Burg und die Herrichtung geschmack 
voller Räume zu geselligen Zwecken mit dem leb 
haftesten Eifer vorgenommen. Gegenwärtig stehen 
ein stattlicher Saal mit alldeutscher Einrichtung und 
drei kleinere trauliche Räume Gästen zur Verfügung. 
Vorstehende Schrift sucht nun das Interesse für
	        

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