Full text: Hessenland (5.1891)

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apitän Mcheller. 
Mach der Erzählung eines Gerstorbenen. 
Von Wilhelm Dennecke- 
(Fortsetzung.) 
Es mochte, wie gesagt, ein Jahr verflossen 
sein, da erhielt eines Tages meine Frau den 
Besuch eines Fräuleins Bender, einer Nichte des 
Kapitäns. Ihr Vater hatte ebenfalls dem 
Offizierkorps angehört und war vor Kurzem ge 
storben; er hatte in einer von der Residenz ent 
fernten Garnison gestanden, war aber von seinen 
jungen Jahren her mir und manchem anderen 
älteren Offizier in der Hauptstadt wohl bekannt 
gewesen. Fräulein Bender, welche schon frühe 
ihre Mutter verloren hatte, überraschte uns durch 
die Mittheilung, daß ihr Onkel sie zu sich ge 
nommen habe, denn bis jetzt war der alte Jung 
geselle und Sonderling stets sehr abgeneigt ge 
wesen , eine Frauenhand um sich walten 
u lassen. Als ich die junge Dame, ein 
ein erzogenes hübsches Mädchen, auf manche 
kleine Eigenheiten des früheren Freundes hin 
wies, denen sie Rechnung tragen möge, meinte 
sie mit einem herzigen Blick: Mit Lust und 
Liebe lasse sich Vieles erreichen und die habe sie 
in ihren neuen Wirkungskreis mitgebracht. Wir 
wünschten ihr das Beste und trugen ihr die 
herzlichsten Grüße an den Kapitän auf. Einige 
Tage später machte meine Frau dem Fräulein 
Bender einen Gegenbesuch und wußte, als sie nach 
Hause kam, nicht genug über Scheller's Wunder 
lichkeiten zu erzählen. Er hatte sie, seine ursprüng 
liche Galanterie nicht verleugnend, in der liebens 
würdigsten Weise in seiner Wohnung herum 
geführt und dabei war gar manches Merkwürdige 
zu Tage getreten. In einer Ecke des ehemaligen 
Spielzimmers standen immer noch die versiegelten 
Ballen mit dem Tabak. In Schellers Wohn 
stube waren auffallend große Ansammlungen 
von Fliegen bemerkbar gewesen und meine Frau 
hatte, ohne sich dabei etwas zu denken, ihre Ver 
wunderung darüber ausgesprochen. Sogleich 
war Schellers Gesicht ganz verändert geworden 
und mit seinem gezwungenen Lachen hatte er 
gesagt: „Ja, ja, merken Sie das auch? Wer 
sollte es auch nicht! Wo sie herkommen, diese 
Thiere — ? Meine Feinde bringen sie her! 
Sie sammeln sich die Eier in Federspulen, be 
suchen mich, thun freundlich mit mir und streuen 
sie dann in die Dielenritze. Sie gönnen mir 
mein bischen Ruhe nicht!" Dabei ließ er 
aber ganz außer Acht, daß in dem Hause 
eine Gastwirthschast mit Ausspann war, welcher 
Umstand die zahlreichen Fliegen sehr leicht 
erklärlich machte. In einem anderen mit ganz 
dunkler Tapete versehenen Zimmer befand sich 
weiter Nichts, als ein schwarz angestrichener 
Sarg und ein Schemel. „Um's Himmelswillen. 
Herr Kapitän", hatte meine Frau bei diesem 
Anblick ausgerufen, „was soll denn das bedeuten?" 
Lächelnd war von ihm der Deckel in die Höhe 
gehoben worden — in dem Kasten befand sich 
wohlgeordnet eine von ihm selbst angelegte 
Käfer- und Schmetterlingssammlung. So wußte er 
Allem ein eigenartiges, düsteres Gepräge zu geben, 
Fräulein Bender aber schien sich ganz zufrieden 
bei ihrem Onkel zu fühlen. — Nach diesem 
Besuch kam Scheller zum ersten Male an dem 
Geburtstag meines Söhnchens, das seinen Vor 
namen führte, wieder zu uns, aber leider waren 
meine Frau und ich gerade ausgegangen. Das 
Dienstmädchen öffnete ihm die Kinderstube und 
sah noch, wie er alle Taschen voll Spielsachen, 
den kleinen Christian aus den Schoß nahm 
und mit ihm zu schäkern anfing. Das Mädchen 
ging hinaus — nach einigen Minuten hörte sie 
plötzlich die Thüre heftig zuschlagen — sie eilte 
aus der Küche und erblickte den Kapitän, wie er, 
mit verzerrtem Gesicht, unter gellendem Lachen 
und lautem Husten die Treppe hinunterstürzte. 
Drinnen fand sie meinen Jungen weinend und 
von den Spielsachen nichts, als einen großen 
Hampelmann, den Scheller wahrscheinlich in der 
Eile verloren hatte. Weder das Mädchen, noch 
wir, wußten aus dem Kinde herauszubringen, 
was geschehen war. Erst später sollte uns etwas 
Klarheit darüber werden. Meine Frau war 
mit Christian an einem hübschen, aber etwas 
windigen Herbsttag auf einen der Plätze der 
Residenz spazieren gegangen, als der Kapitän 
daher kam und sie anredete. Er war ganz 
heiter und gesprächig und als er nach Christian 
fragte, rief meine Frau den Jungen, welcher in 
der Nähe herumspielte, zu sich. Er sprang 
herbei und da die Luft ihm bett Hals etwas 
trocken gemacht haben mochte, räusperte er sich 
ein wenig, indem er dem Kapitän das Hündchen 
gab. Da fing dieser sich ebenfalls zu räuspern 
an, aber auf eine ganz übertriebene Weise, 
schnitt eine schreckliche Fratze, hustete so laut und 
anhaltend, daß es über den ganzen Platz hin 
schallte, sodaß die Leute stehen blieben, und ries: 
„Fängst du auch schon an?!" Dann ging er, 
ohne Abschiedsgruß, mit langen Schritten davon.
	        

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