Full text: Hessenland (5.1891)

falls annehmen und wollte doch auch den alten 
Freund nicht zum zweiten Male in seiner auf 
mich gesetzten Erwartung täuschen. Noch besann ; 
ich mich auf einen Ausweg, als er mir au den 
Augen absehen mochte, was in mir vorging. 
Mit einem heisern Lachen stand er aus und rief: i 
„Also auch du! Also auch du!" Weiter sagte er ; 
nichts; er trat an's Fenster und starrte auf die; 
dunkele Straße hinab. In demselben Augen- j 
blick traten die beiden Kameraden ein und 
Scheller wandte sich diesen zu. Der Eine hatte j 
neulich seine frisch gestopfte Pfeife mitge 
nommen und das verdächtige Kraut von einem 
Sachverständigen untersuchen lassen. Dieser hatte 
sein Urtheil dahin abgegeben, daß der Tabak noch 
etwas zu frisch sei, nach einiger Ablagerung würde 
derselbe vorzüglich werden. Scheller aber wolltei 
davon nichts wissen, er hatte die beiden Ballen 
versiegelt und mit großen Buchstaben „Gift" 
daran geschrieben. So viel die Kameraden ihn 
auch in der Folge baten, ihnen von dem Tabak 
abzulassen, er war nicht dazu zu bewege». Seine 
Spielabende gingen bald ein. Scheller ließ uns 
an dem nächsten Tage nach dem letzten Bei 
sammensein durch seinen Burschen melden, daß 
er unwohl sei und Nieniand bei sich sehen könne; 
ich war überhaupt unter den obwaltenden Um 
ständen nicht in der Lage, ihn zu besuchen und 
so geschah es, daß ich ihn wohl ein Jahr lang 
nicht gesprochen hatte. Von der Idee, den Don 
Quixote zu fordern, mußte er abgekommen sein 
oder keinen Sekundanten gefunden haben, denn 
ich hörte nichts mehr davon. 
(Schluß folgt.) 
Der Ktndenbarrm. 
Es steht 'ne mücht'ge Linde 
Vor meinem Vaterhaus. 
'Ne schön're ich nicht finde, 
Zog doch so weit hinaus. 
Und nun, nach langen Jahren 
Im Abendsonnenschein 
Nach manchen Pilgerfahrten 
Kehr' ich zur Heimath ein. 
Der erste Gang ist wieder 
Zum trauten Vaterhaus, 
Dort sang ich meine Lieder 
Froh in die Welt hinaus. 
Doch heute zieh' ich stille 
Zum alten Pfarrhaus ein. 
Denn es war Gottes Wille 
Geschieden mußt' es sein. 
Die Lieben all', sie ruhen 
In stiller Tvdtengruft 
Und uns, die wir noch thuen 
Sein Werk, der Herr bald ruft. 
Die Linde rauscht und singet, 
Singt auch von Tod und Grab, 
Gar ernst ihr Lied erklinget, 
Ihr grüner Schmuck fiel ab. 
Sie singt von alten Zeiten 
Von Liebe, Lust und Leid 
Und läßt vorübergleiten 
Manch' Bild vergang'ncr Zeit, 
Sie singt von festem Glauben 
An Gottes Wunderkraft, 
Den selbst kein Tod kann rauben, 
Weil er nur Leben schafft. 
Sic singt von stillem Hoffen, 
Das nicht zu Schanden wird, 
Weil uns den Himmel offen 
Gemacht der treue Hirt. 
O du mit deinem Singen 
Du alter Lindenbaum, 
Du kannst zur Ruhe bringen 
Mein Herz und seinen Traun«. 
«Lkard Aiskamp. 
Aus Heimath und Fremde. 
Der 19. Februar ist ein Gedächtnißtag in der 
Geschichte unseres Hessenlandes. An ihm starb vor 
fünfzig Jahren die vom hessischen Volke hochverehrte 
Kur fürst in Auguste, Gemahlin des Kurfürsten 
Wilhelm II., Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. 
von Preußen. Die Kunde von dem am frühen 
Morgen des 19. Februar 1841 erfolgten Hin 
scheiden dieser edlen Fürstin erfüllte nicht nur die 
Bürgerschaft der Residenzstadt Kassel, sondern das 
ganze Land mit tiefster Trauer. Der letziwilligen 
Bestinlmung der hohen Verblichenen zufolge wurden 
ihre irdischen Reste neben bem Mausoleum ihrer 
Schwiegermutter, der Kurfürstin Karoline, auf dem 
alten Friedhofe Kassels beigesetzt. Dort auch fanden
	        

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