Full text: Hessenland (5.1891)

in der Folge ein paar alte Kameraden zu sich 
ein, es wurde dann getrunken, Tarok gespielt 
und aus thönernen Pfeifen geraucht. Zuerst 
ging Alles gut, bald aber sahen wir uns mit 
Erstaunen über Scheller's seltsames Gebühren an, 
das mit seinem früheren Wesen in gar keinem 
Zusammenhang stand. 
Heute in sich gekehrt und wortkarg, war er 
bei der nächsten Zusammenkunft von einer krampf 
haften Lustigkeit, die theils ansteckend wirkte, 
theils einen schaurigen Eindruck machte. Plötz 
lich aber zeigte er sich noch von einer andern 
Seite. Schon mehrmals hatte er davon ge 
sprochen, daß er sich von einer Bremer Hand 
lung einen großen Tabaksvorrath wolle kommen 
lassen, eine ausgezeichnete Sorte Knaster, die 
ihm dringend empfohlen worden sei und die kein 
Geschäft besser liefere, als gerade dasjenige, welches 
er uns nannte. Nach einigen Wochen, als wir 
uns wieder zum Tarok bei ihm einfanden, trafen 
wir ihn in der besten Laune, der Tabak war 
angekommen und stand in zwei großen Ballen 
in einer Ecke des geräumigen Spielzimmers. 
Eine Anzahl Thonpfeifen lag neben den Karten 
und dem gefüllten Fidibusbecher auf dem Tisch, 
welches Stillleben von zwei großen Wachskerzen 
beleuchtet wurde, denn die damaligen Oellampen 
gefielen Scheller nicht. Er öffnete feierlichst einen 
der Ballen, füllte einen umfangreichen Tabaks 
kasten mit dem edeln Kraut, wir stopften uns 
die Pfeifen und dampften während des Spiels 
recht tapfer drauf los. Eine Stunde mochten 
wir gespielt und geraucht haben, da befiel Einen 
um den Andern von uns ein seltsames Uebel 
befinden, wir bekamen Herzklopfen, kalter Schweiß 
trat uns auf die Stirn, und Magenschmerzen 
stellten sich ein; auch der Kapitän wurde davon 
befallen. Da wir noch nichts getrunken hatten, 
so wurde die Schuld auf den Tabak geschoben, 
sowie der erste aber in Scheller's Gegenwart diese 
Vermuthung äußerte, brach dieser in ein lautes 
Gelächter aus. „Hahahaha!" schrie er. „Wir 
sind Alle vergiftet, ich an der Spitze. Und 
daran ist Niemand Anderes Schuld als der Don 
Quixote! (Er nannte ihn jedoch mit seinem 
richtigen Namen.) Er will sich an mir rächen, 
von wegen dem Schuß, den ich ihm in der Neu- 
meher'schen Affaire beigebracht! Er hat mir die 
Adresse von dem Bremer Fabrikanten in die 
Hände gespielt, dieser ist sein Helfershelfer und 
hat mir Gift in den Knaster gemengt." Wir 
sahen uns an und wußten nicht, was wir dazu 
sagen sollten, vergeblich versuchten wir Scheller 
von dieser Idee abzubringen, er blieb dabei und 
schickte seinen Burschen zu einem Militärarzt, 
der ihm Gegengift geben sollte. Wir trennten 
uns, nachdem der Doktor erschienen war und 
! unsern Zustand für völlig ungefährlich erklärt 
hatte. 
Am andern Tag besuchte mich Scheller. Mein 
erstes Wort war, ihm lachend zuzurufen: „Nun, 
das Gift scheint dir ja nicht viel geschadet zu 
haben!" — ,,Der Doktor hat mir Gegengift 
gegeben." erwiderte er. „Ich bin diesmal noch 
so davon gekommen, du mußt mir nun aber den 
Gefallen thun und den Don Quixote heute noch 
fordern, er trachtet mir nach dem Leben, und ich 
weiß mir nicht anders zu helfen, als daß ich ihn 
todt schieße." Er sprach in vollem Ernst, und 
nun fing die Sache an, mir bedenklich zu werden. 
Ein stichhaltiger Grund den Herrn Don Quixote, 
welcher jetzt als Major bei der Garde stand, 
eine Ausforderung zugehen zu lassen, war für 
Scheller unstreitig nicht vorhanden, und ich be 
mühte mich vergeblich, ihm dies klar zu machen. 
Er blieb bei seiner Wahnvorstellung, daß der 
Major cs auf ihn abgesehen habe, ohne sich in 
dessen auf Beweise einzulassen und verließ mich 
sehr ungehalten, als ich mich entschieden weigerte, 
ihm in dieser Angelegenheit als Sekundant zu 
dienen. Nichts desto weniger ging ich an dem 
nächsten Spielabend, als ob Nichts vorgefallen 
wäre, zu ihm. Als ich bei ihm eintrat, war 
noch keiner der Anderen da, und ein Strahl 
unverkennbarer Freude flog für einen Augenblick 
über sein grasses Gesicht. Aus der Art und 
Weise seiner Begrüßung konnte ich schon ent 
nehmen, daß er mein Erscheinen für ein Zeichen 
meiner veränderten Gesinnung in der Duellaffaire 
nahm. Ohne mich jedoch über diesen Gegenstand 
zu Wort kommen zu lassen, zog er mich neben 
sich auf ein altes Kanapee mit großgeblümtem 
Ueberzug und schüttete sein Herz vor mir aus. 
„Du kannst dir nicht vorstellen." sagte er zu 
mir, „was ich die ganze Zeit über schon gelitten 
habe! Der verdammte Don Quixote! Er und 
die andern, denen ich einen Denkzettel beigebracht 
habe — du weißt ja. in der tollen Periode, 
nach dem Tod des armen Neumeyer - sind gegen 
mich und mein Fortkommen verschworen, aber 
er, der Don Quixote, ist der Schlimmste der 
ganzen Rotte! Ich bin Kapitän geblieben, er ist 
Major geworden, er hat es fertig gebracht, daß 
ich vom Fürsten beim Avancement übergangen 
worden bin! Als mein Vater das Zeitliche segnete, 
stand es bei mir fest, sofort den Dienst zu 
quittiren, um den Chikanen der Sippschaft nicht 
länger ausgesetzt zu sein. Nun trachtet er mir 
sogar nach dem Leben, da er mir auf eine andere 
Weise nicht mehr beikommen kann! Niemand 
habe ich das bis jetzt vertraut, wie dir und du, 
Kamerad, du mußt ihn nun auch fordern! Nicht 
wahr, du thust es?" — Ich gerieth in eine pein 
liche Verlegenheit, ich konnte den Auftrag keines
	        

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