Full text: Hessenland (5.1891)

viel besserer ist und beglückendercr, als die eigen 
sinnige und mistrauische Abwendung vom Lehrer 
und die nach einer misverstandenen Freiheit 
dürstende Renitenz gegen das Gesetz? Ich mahne 
Euch au so manche heitere Stunde, welche Ihr 
dem Seligen dankt, an Eure Wanderungen und 
Turnzüge unter ihm, an die gemeinschaftlichen 
Lieder und Gesänge, an jene Sommer- und 
Sonnen-Tage voll Glanz und Klang und Lust 
und Ausgelassenheit. Und glaubt mir, lieben 
Freunde, auch in den Mauern dieses Hauses ist 
es so übel nicht, als cs Euch in einzelnen ge 
drückten Augenblicken bedünken mag, oder als 
vermeintliche Gönner Euch weißmachen. Der 
Fuß, der leichter und freier in das offene Leben 
hinausstürmt, wenn die sogenannte Fessel der 
Disciplin nicht mehr um ihn klirrt, der strebt 
nachher wohl manchmal und unwillkürlich in die 
kindliche Sicherheit und Beschränkung dieser 
Räume zurück. Ihr alle werdet, früher oder 
später, gerührt oder gleichgültig, jener Schwelle 
Lebewohl sagen; nehmt dann, wie Ihr auch 
scheidet, wohin Euch das Schicksal auch zerstreut 
und fortreißt, nehmt als freundliches Wegegeleit, 
als treu-schirmenden Talisman das Bild eines 
edlen Mannes mit, der für Euch gelebt und für 
Euch gestorben ist! Und wenn Ihr nach Jahres 
frist als reifende Männer in unsere Stadt zu 
rückkehrt, wenn der Eine sein Vaterhaus, der 
Andere seine Geschwister, der Dritte seine Jugend 
freunde hier aussucht: o so gönuet auch seiner 
letzten engen Wohnung einen einsamen und 
ernste» Gang! Nicht wahr, ich darf in Eurem 
Namen mit der feierlichen Versicherung schließen, 
daß Jedweder unter Euch, wie Ihr heut um uns 
versammelt seid, den verwachsenen Hügel unter 
den neuen und fremden Gräbern wiederfinden 
wird, wenn auch weder der Marmor eines 
prunkenden Denkmals*) noch das stolze Gold einer 
lateinischen Inschrift Euch den schmalen Pfad 
zu demselben weist?! — 
So die Rede Franz Dingelstedt's zur Erin 
nerung an Nikolaus Bach. Sie ist allen un 
vergeßlich geblieben, die an der Nhabanusscier 
des Jahres 1841 in der Aula des Fuldaer Gym 
nasiums thcilgenommeu haben. Nach fünfzig 
Jahren haben wir sie hier zum erstenmal im 
Drucke veröffentlicht, wie zum Gedächtniß Bach's, 
so nicht minder auch zur Erinnerung an unseren 
hessischen Landsmann Franz Dingelstedt, dessen 
Andenken ja in seinem Geburtslande ganz be 
sonders hoch gehalten zu werden verdient. K. Z. 
*) Die Grabstätte Bach's auf dem städtischen Fried 
hofe zu Fulda ziert ein einfaches geschmackvolles Kreuz mit 
der Inschrist: ,.Haud ul 1 i virtute secundus“, welches 
dem Verblichenen die Familie hat errichten lassen und für 
dessen Erhaltung dieselbe in pietätsvoller Weise Sorge 
trägt. D. Red. 
Kapitän Kchellrr. 
Wach der Erzählung eines Werlkoibenen. 
Von Wilhelm Denn ecke. 
(Syortfefeung.) 
Einige Zeit war vergangen, ich hatte mich i 
verheirathet, und bei meinem Erstgeborenen war 1 
Scheller Pathe geworden, wenn auch nur pur! 
distance, da er keinen Urlaub erhalten konnte. : 
Ueberhaupt hörte ich nur wenig von ihm. So 
verflossen fünf bis sechs Jahre, da las ich eines , 
Morgens in der Zeitung, daß der Kapitän j 
Scheller seinen Abschied erhalten habe, und wenige ! 
Tage später trat er selbst bei mir ein. Diej 
große, aber sehr hager gewordene Gestalt war ' 
mit einem dunkeln Civilanzug bekleidet, über der ! 
schwarzen, hohen Kravatte lag ein verschwindend 
kleines Streifcheu eines weißen Hemdkragens, die : 
Handschuhe waren von gelbem Waschleder, die! 
Kopfbedeckung bestand in einem geschweiften hohen ' 
Hut. Das kurz verschnittene Haar war schon j 
ergraut, durch das mit Ausnahme eines unbe- > 
deutenden Schnurrbarts glatt rasirte Gesicht lief 
ein grasser Zug, dem ich vorläufig noch keine I 
Deutung zu geben wußte. Er erzählte, daß er 
durch den Tod seines Vaters in den Besitz eines 
nicht" unbedeutenden Vermögens gelangt sei, des 
halb den Gamaschendienst quittirt habe und sich 
nun in der Residenz niederlassen wolle, um als 
unabhängiger Mann im engeren Freundeskreis 
seine Tage sich und Andern zum Genuß zu ver 
bringen. Er freute sich über seinen kleinen 
Pathen, der nun schon ein herzhafter Junge ge 
worden war, beschenkte ihn reichlich und ver 
sicherte meiner Frau mit einem gespenstigen 
Lächeln, daß der Bube, wenn er sich nur 
wacker halte, sein Herzblatt sein solle. Trotzdem 
Scheller sich thatsächlich sehr liebenswürdig 
zeigte, hatte seine Anwesenheit doch etwas 
Beengendes für uns gehabt, ein Gefühl, das auch 
nach seinem Fortgang sobald keiner freieren Ge 
müthsstimmung Platz machen wollte. Zweimal 
in der Woche an bestimmten Tagen lud Scheller
	        

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