Full text: Hessenland (5.1891)

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Kasseler Wnöerlieöthen, 
gesammelt und erläutert von Dr. Gustav Gskuche und Johann Tewalter. 
(Fortsetzung.) 
Auch der Sommer mit all' seinen Freuden 
nimmt ein Ende: der Herbstwind bläst die braunen 
Blätter über die Stoppelfelder. Das Kind 
macht sich auch das zu Nutze. In der Aue werden 
die Kastanien in Säcken und Wägelchen einge 
erntet, und allerlei Spielzeug daraus verfertigt: 
Wagen und Wiegen, Körbchen und Pfeifen; und 
vor der Aue, auf Hecker's Wiesen, oder vor dem 
Tannenwäldchen läßt man den Drachen im Herbst 
winde steigen und sendet, wenn er steht, ani 
Seil einen Brief hinauf. So bietet die Natur 
mit frohen Händen den Kindern ihre Gaben dar 
zu Spiel und Kurzweil von einem Frühling 
durch Sommer, Herbst und Winter hindurch bis 
zum andern Frühling. 
Und neben all' diesen Freuden der Natur hat 
das Kind in holdem Spieltrieb, in unbewußtem 
Kunsttrieb auch die Kunst sich zu eigen gemacht: 
in Tanz und Spiel löst das Kind ein einzelnes 
Ereigniß von seinen vergänglichen Umständen ab 
und erhebt es durch dramatische Gestaltung zu 
allgemein menschlichem Werth, sodaß sich das 
Kindergemüth, das wie im echten Volksspiel 
Zuschauer und Schauspieler zugleich ist, daran 
immer von Neuem erfreuen oder betrüben, kurz 
erbauen kann. Die zahlreichen Tanz- und Spiel- 
lieder mögen sich nun selbst wie eine Schaar 
tanzender Kinderchen in buntem Wechsel hier an 
schließen, und ein uraltes Lied soll den Reihen 
eröffnen: 
175) Die Meier'sche Drücke, 
Die ist zerbrochen. 
Wer hat sie zerbrochen? 
Der Goldschmied 
Mit seiner .jüngsten Tochter. 
Wir wollen ste wieder bauen lassen 
Mit Edelstein, 
Mit Dedelstein, 
Mit lauter seinem Golde. 
Den Hintersten, Hintersten wollen wir fangen. 
Zwei Kinder bilden mit gehobenen Armen die 
Brücke, unter welcher die anderen Kinder, eins 
das andere anfassend, mit dem Gesang hindurch 
ziehen; das letzte wird mit den schnell herab 
gelassenen Armen gefangen und gefragt: Wohin 
willst Dli, zum Messerchen oder zum Gäbelchen? 
Mit solchen und ähnlichen Namen (Himmel oder 
Hölle, Rose oder Nelke) benennen sich heimlich 
vor den andern die thorbildenden Kinder, vor 
jedem Durchzug von Neuem. Das Gefangene 
wird nun hinter Eins der beiden Thorwächter ge 
stellt. Sind alle Kinder so gefangen und ver 
theilt, dann wird jedes einzelne von den Thor- 
hütern auf den Händen gewogen. Lacht es, 
wozu die anderen Kinder durch alle möglichen 
Grimassen zu verführen suchen, so kommt's in 
die Hölle, lacht es nicht, so kommt's in den 
Himmel. Schließlich kämpfen die beiden so ent 
standenen Schaaren, Engel und Teufel, mitein 
ander, bis eine die andere besiegt hat. — Wie 
aus diesem in etwa 30 Gestalten uns bekannten 
Brückenspiel hervorgeht, liegt hier zu Grunde 
der altheidnische Glaube vom Ritt der Todten 
über die Todtenbrücke, welche das Gewässer 
zwischen Menschenwelt und Todtenreich verbindet. 
Ein Nachklang mag die andere Lesart sein: Die 
Engel'sche Brücke, vielleicht soviel wie: Die Engel- 
Brücke. So erzählen nordische Runensteine, daß 
der Verstorbene bei seinen Lebzeiten für das Heil 
seiner Seele eine Brücke bauen ließ; und die 
Edda berichtet, wie Modhgudhr auf der Todten 
brücke wachehaltend sitzt und zu Hermodhr spricht: 
Reitet nur durch, der Bruder ist schon voraus. 
Arge Entstellung freilich ist es in unserem Liede, 
daß der Goldschmied mit seiner jüngsten Tochter 
die Brücke zerbrochen haben soll; das fehlt in 
den nicht-mitteldeutschen Fassungen, wo der 
Brückenzoll auch nicht in Edelstein und Gold be 
steht, sondern in Steinen und Beinen d. h. dem 
Letzten der durchziehenden Reiterschaar (vgl. 
Lewalter, Deutsche Volkslieder in Niederhessen, 
mit einfacher Klavierbegleitung, I 18). 
! 17«) Ringel — Ringel — Reihe, 
I Es sind der Kinder dreie, 
* Sitzen auf dem Hollerbusch, 
Schreien Alle: husch, husch, husch! 
Die Kinder tanzen im Kreise singend herum 
und ducken sich am Schlüsse, als ob ein Raub- 
' vogel von oben sie bedrohe. Der Sinn des 
alten, hier entstellten Liedchens wird klar durch 
I die alemannische Gestalt mit Rochholz' Vermerk: 
Hexen verwandeln kleine Kinder in Krähen, die 
j dann auf dem Hollerbaume nisten müssen; daher 
! der Ringelreihen: Ringe — ringe — Reihe, d' 
Chind sind alli Chraije, d' Chind sind alli Holder- 
j stöck und machst alli Bode-Bodehöck. 
177) Himmel —■ Ningel — Nasen, 
j Schone Aprikosen, 
Neilchen blau, Neriysimeinnichl, 
j Alle Kinder setzen sich: 
j Kickeriki! 
Die Kinder gehen bei dieser gewiß nicht sehr 
alten, aus Reimlust entstandenen Abart des 
vorigen Liedes im Kreise herum und setzen sich 
mit dem Rufe: Kickeriki! nieder (Lewalter 1 12).
	        

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