Full text: Hessenland (5.1891)

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Nacht verdächtigen Laternenschein auf dem Friedhofe 
wahrgenommen, war auch hinausgecilt und hatte 
das Grab offen gefunden, aber die Attentäter waren 
bereits verschwunden, und nicht einmal die Richtung 
konnte festgestellt weiden, welche sie genommen. 
Doch der Vcrrälhcr schlief nicht. Sofort wurde 
die israelitische Gemeinde von dem Vorfall in Kennt 
niß gesetzt und Borsche als Hauptthäler bezeichnet. 
Kaum war der Morgen des folgenden Tages 
angebrochen, als die Glaubcnsgenossenschaft des 
Verblichenen dem Borsche vor das Haus rückte 
und ihn in permanenten Belagerungszustand erklärte. 
Der Attentäter hatte jedoch Gelegenheit gehabt, die 
Leiche aus dem Apfellager zu entfernen; er steckte sie 
in den Strohsack seines Bettes und legte sich drei 
Tage und drei Nächte als simulirender Kranker auf 
dieselbe, die doch schon länger als eine Woche im 
Grabe sich befunden hatte!! Als der Kreis der Be 
lagerer ermüdet war, genas Borsche wieder, die Leiche 
wurde präparirt, und da das monströse Skelett nach 
solchen Vorgängen selbstverständlich keinen Platz in dem 
anatomischen Kabinet des Fuldaer Landkrankenhauses 
finden konnte, so wurde es nach Würzburg gebracht, 
wo es heute noch das berühmte dortige anatomische 
Museum zieren soll. Zwar hatte die israelitische Ge 
meinde wegen des Vorfalles, welchen sie als Sakrileg 
betrachtete, bei den damaligen französischen Behörden 
Beschwerde geführt, doch ist nichts davon bekannt, 
daß dieselbe irgend welchen Erfolg gehabt hätte. Es 
war eben die Zeit der UeLurreetion-inen, und ein 
bischen Leicheneinheimsung zu wissenschaftlichen Zwecken 
wurde gerade nicht als eine fluchwürdige Frevelthal 
angesehen. Item, es war ein fait accompli, und 
man drückte die Augen zu. Der praktische Arzt Dr. 
Joseph Schneider unternahm es, das von Borsche 
unter der Leitung des Professors Dr. Adelmann prä- 
parirte Skelett nach Hanau zu bringen, wo es ein 
Abgesandter von Würzburg in Empfang nahm. Dr. 
Schneider hat uns oft noch in späteren Jahren zu 
Horas mit vielem Humor von dieser Reise erzählt. 
Er machte dieselbe nach damaliger Sitte zu Pferd; 
das Skelett war in den Mantelsack verpackt. In 
Gelnhausen hielt er in dem Gasthofe zur Post, dem 
gewöhnlichen Absteigequartier der Fuldaer, auf einige 
Stunden Rast. Dort traf er zufällig den jüngeren 
Bruder des Isaak Bunfeid, den s. g. Bonum's Löb, 
der es sich nicht nehmen ließ, dem Dr. Schneider 
bei desien Weiterreise nach Hanau behilflich zu sein 
und den Mantelsack auf das Pferd zu schnallen. Der 
eigene Bruder des Isaak Bunfeid hatte sich also, 
wenn freilich auch vollständig unbewußt, der Mit 
schuld an der Fortschaffung der Leiche theilhaftig 
gemacht. — K. A. 
Au dem Artikel --Hessische Zeitungen". 
Von unserem hochgeschätzten hessischen Landsmanne 
Herrn Dr. Julius Rodenberg in Berlin ist 
uns folgende Zuschrift zur Veröffentlichung zugegangen: 
Erlauben Sie mir zu dem interesianteu Aufsatz 
des Herrn I. Nebelthau über »Hessische 
Zeitungen" (im „Hessenland" Nr. 17, S. 228 ff.) 
nachstehende Bemerkung. 
Unter den verloren gegangenen hessischen Zeitungen 
wird, mit Betufung auf mein jüngst veröffent 
lichtes Buch über Franz Dingelstedt, „eine in 
Fulda erscheinende ^Abendzeitung' erwähnt, für 
welche er Beiträge liefere." Dies ist ein Irrthum, 
den ich zu berichtigen bitte. Die Zeitung — ein 
belletristisches Journal vielmehr —, um die cs sich 
hier handelt, ist keine hessische, sondern eine sächsische, 
nicht in Fulda kam sie heraus, sondern in Dresden; 
es ist, mit einem Wort, die von Theodor Hell 
redigirte „Abendzeitung" gemeint, welche, in den 
Jahren ihres Bestehens, von 1817—1843, ein nicht 
unwichtiges Organ für die literarischen Bestrebungen 
jener Zeit war. 
Aus Aeimath und Fremde- 
Ihre Majestät die K a i s e r i n A u g u st e Viktoria, 
welche mit ihren drei ältesten Söhnen, dem K r o n p r i n z e n 
Friedrich Wilhelm, dem Prinzen Eitel Fritz 
und dem Prinzen Adalbert, seit Donnerstag den 
17. September zu Schloß Wilhelmshöhe weilte, hat 
am Mittwoch den 30. September sich mit ihren 
Söhnen wieder nach dem neuen Palais bei Potsdam 
zurückbegeben. Am Sonnabend den 19. September 
erhielt sie den Besuch Sr. Majestät des Kaisers, 
der bis zum Montag den 21. September auf Schloß 
Wilhelmshöhe verblieb. Die Kaiserin unternahm 
fast täglich mit den Prinzen Ausfahrten und Spazier 
gänge in die Umgegend, auch Kassel besuchte sie 
wiederholt, so noch am Dienstag Nachmittag, bei 
welcher Gelegenheit sie die Gemäldegallerie besichtigte 
und sich längere Zeit daselbst aufhielt. 
Wie das „Kasseler Tageblatt" meldet, ist dem 
größeren zur Errichtung eines Denkmals für den 
Landgrafen Philipp den Großmüthigen 
niedergesetzten Geschäftsausschusse in diesen Tagen 
die erforderliche landesherrliche Genehmigung zur 
Errichtung des Standbildes zugegangen. Die Samm 
lung von Beiträgen zu diesem Zwecke steht hiernach 
in nächster Zeit zu erwarten, und unterliegt es wohl 
keinem Zweifel, daß die Theilnahme an derselben 
im ganzen Hessenlande eine reichliche sein wird. 
Gelegentlich der Manöver des XI. und IV. Armee 
korps hat der Kaiser u. a. zwei alten, außer Dienst 
befindlichen Generallieutenants, die früher als Offiziere
	        

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