Full text: Hessenland (4.1890)

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nicht aushalten konnte, auf dem Fußboden liegend 
zu. Am vierten Morgen machte sich, zu Wald- 
mann's großer Befriedigung, ein Brennen an 
vielen Stellen fühlbar, besonders freute er sich 
darüber, daß einige Stellen sich geröthet hatten. 
Aber unaussprechlich groß war des theuern, 
unvergeßlichen Mannes Freude, als beim Wieder 
eingießen des Terpentins ich laut aufschrie vor 
Schmerz 7— meine Rettung war fast keinem 
Zweifel mehr unterworfen. Am folgenden 
Morgen hatten sich die Beine schon über und 
über geröthet und die Geschwulst war bedeutend 
geringer geworden. Nach Verlauf von weiteren 
drei Tagen, welche ich unter großen Qualen 
verbrachte, war ich im Stande, die Weiterreise 
anzutreten"*). Soweit der Bericht des dem Leben 
Wiedergegebenen. Den Sohn der gütigen Frau, 
welche ihn in diesen Tagen, in denen er das 
Grab sich offenstehen sah, treu und mütterlich 
pflegte, hatte er nur wenige Male auf Augen 
blicke gesehen. Er verließ das Haus seiner Wohl 
thäter ohne ihren Namen erfahren zu haben, 
da er, wie es scheint, zu zartfühlend war, um 
geradehin nach dem zu fragen, was er aus einer 
früheren Periode seines Lebens hätte wissen 
sollen. Auch schlugen später seine verschiedenen 
Versuche, durch Briese an den Magistrat der 
Stadt den Namen zu erlangen, fehl. 
Marschall Macdonald, welcher mit seinem 
Korps sich aus Kurland vor den andringenden 
russischen Heeren zurückziehen mußte, wurde in 
Königsberg erwartet, wo man zugleich mit 
Besorgniß dem Eintreffen der Russen entgegen 
sah. Um nicht zwischen die Truppen Macdonald's 
zu gerathen, beeilten sich Bardeleben und Pavie, 
welcher in Sorge um jenen in Königsberg ge 
weilt hatte, die Stadt zu verlassen. Die Kälte 
hatte abgenommen, so war die Fahrt zu Schlitten 
erträglich, die am 1. Januar des neuen Jahres 
1814 die guten Kameraden ihrem Bestimmungs 
orte zuführte. Die erste Nacht brachten sie unter 
dem gastlichen Dache der Familie von Hannemann 
in Rödelshofen bei Braunsberg zu; hier sammelte 
unser Freund sich zu einem Berichte an die 
Lebensgefährtin, dem ersten, seit er am 29. Nov. 
aus Dokczyce hoffnungsvoll und lebenskräftig 
sich gegen sie ausgesprochen hatte. Weiter ging 
es über Elbing, Marienwerder, Graudenz, Kulm, 
bis die Reisenden am 4. Januar Thorn 
erreichten. 
In Wilna war Bardeleben durch den groß 
müthigen jungen Bolen das Leben gerettet, in 
Königsberg durch den treuen Waldmann, nach 
dem der brave Pavie ihn vor den Schrecken der 
Gefangenschaft bewahrt hatte, in Rödelshofen 
kostete der durch Elend und höchste Lebensgefahr 
Geschwächte die milden Freuden im Kreise von 
Verwandten, in Thorn fand er sich wieder in 
mitten der westphälischen Waffengefährten. Aber 
welch' geringe Trümmer des schönen, in Tapfer 
keit bewährten Korps hatten die Schlachten, 
dann das furchtbare Elend des Rückzuges übrig 
gelassen! von seinem Regimente waren im 
Verhältnisse noch eine beträchtliche Anzahl Un 
teroffiziere und Soldaten zum Sammelplätze ge 
langt, dagegen fand Bardeleben die Offiziere, 
welche mit ihren Leuten noch den Niemen über 
schritten hatten und die in Mariampol mit diesen 
weiter marschirten, als die beiden Stabsoffiziere 
den Weg nach Königsberg einschlugen, in Thorn 
nichts vor. Das Häuflein hatte bereits die 
preußische Grenze hinter sich, als es in einem 
Dorfe von polnischen Bauern überfallen wurde, 
welche die Gefangenen an die Russen auslieferten. 
Schrecklich war das Loos dieser Unglücklichen, 
auf das Tiefste beklagte Bardeleben das Schick 
sal seiner Kameraden, von denen er mehrere 
als ausgezeichnete Offiziere hervorhebt*). Und 
das Gleiche würde ihn betroffen haben, wenn 
er, dem Drange seines Herzens folgend, seinen 
kranken Leib unter ihnen weiter geschleppt hätte. 
Allerdings würde dann die Gefangenschaft nicht 
lange ihn bedrückt haben, da er nach dem uns 
Bekannten, ohne sorgfältigste Pflege, kaum der 
Aufmerksamkeit eines Arztes theilhaftig, un 
zweifelhaft schon nach einigen Tagen dem Tode 
verfallen gewesen sein würde. Gauthier hatte 
den Waffenbruder, welchen er überredete, von 
dem Platze, wohin beide gehörten, sich zu ent 
fernen, in schmählicher Weise verlassen, den ihm 
vertrauenden hilflosen Mann den gefürchteten 
Händen der Russen preisgebend, welchen er selbst 
auf raschem Rosse entrann. Aber durch eine 
merkwürdige Reihe glücklicher Umstände wurde 
gerade nach seiner Flucht Bardeleben vor Ge 
fangenschaft bewahrt, dann überhaupt am Leben 
erhalten. Er mußte dein „Mephisto" dafür 
dankbar sein, daß jener ihn dem 4. Regimente 
entführt, dann, daß er ihn verlassen hatte. 
In Thorn fand er zu unaussprechlicher Freude 
zwei Brüder, Heinrich und Ludwig, wieder, 
welche als westphälische Offiziere in der großen 
Armee den Feldzug durchgemacht hatten und 
von denen seither keinerlei Kunde ihm zuge 
*) Fast zwei Zahre haben die Unglücklichen mit Noth 
und Elend kämpfen müssen, in denen viele von ihnen den 
Tod fanden, ehe sie erlöst wurden. Auch Bardelebens 
Freund, der ihm eine Stütze in der Führung des Ba 
taillons gewesen war, der Kapitain Bode, kehrte nicht 
zur Heimath zurück. 
*) Waldmann starb als Physikus in Gudensberg.
	        

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