Full text: Hessenland (4.1890)

75 
ein. Sie thaten sich gütlich, aßen, tranken und 
sangen, während die Westphalm trübselig die 
von Wilna mitgebrachten Brocken verzehrten. 
Marschall Ney brachte diese Nacht bei Barde 
leben und seinen Leuten zu, waren sie ja doch 
die Nachhut ; ihn verdroß der Jubel der Kosaken 
und er verlangte, jene sollten sie nüt dem 
Bajonnet vertreiben. Das war aber bei dem 
Zustande der Truppe nicht möglich, „nur mit 
Mühe konnten wir den tapferen Marschall ab 
halten, an der Spitze von etwa 20 Mann, 
welche noch keine erfrorenen Glieder hatten, die 
Vertreibung der Kosaken zu unternehmen. Die 
Nacht hindurch unterbrach er oft seine interessanten 
Erzählungen und schalt auf die Kosaken, ihre 
Feigheit bespöttelnd. Neh's -Thaten in diesem 
Feldzuge , besonders auf dem Rückzüge von 
Moskau. hatten etwas Wunderbares, seine 
Persönlichkeit drückte den glänzenden kriegerischen 
Charakter vollständig aus. In der Nähe eines 
solchen Mannes ward manche Klage unterdrückt 
und man fühlte wieder den Herzschlag in der 
Brust". So schrieb ein tapferer Mann von 
dem „Tapfersten der Tapfern". 
Unter empfindlichen Schmerzen in den Füßen 
verbrachte Bardeleben die Nacht. In der Frühe 
des 11. Dezembers verließ der Marschall das 
Biwak und forderte scheidend die Westphalm auf, 
noch bis zum Anbruche des Tages auf ihrem 
Posten auszuharren. Ney führte die Baiern 
aus der leicht zu umgehenden Stellung bei Jewie 
in die bessere von Zizmory zurück, wohin die 
Westphalm nachzurücken hatten. Oberstlieutenant 
Gauthier, welcher seither dm Befehl über das 
Regiment geführt hatte, verließ hier dasselbe, 
Bardeleben die Fühmng überlassend. 
Als die Nachhut abmarschirte, folgten die 
Kosaken alsbald, doch mit großer Vorsicht; sie 
plünderten, mißhandelten, stachen nieder, was 
zurückblieb oder außerhalb der Kolonne auf 
Seitenwegen sich zeigte. Gegen Abend bog das 
abermals bis zur Hälfte verringerte Häuflein 
von der großen Straße ab nach einem Dorfe, 
woselbst eine große Menge waffenloser Soldaten 
Obdach gesucht hatten. „Auch wir fanden noch 
in einem großen Bauernhöfe Unterkommen und 
für den Augenblick ausreichende Lebensmittel. 
Der Hof wurde sorgfältig verrammelt, um Freund 
wie Feind vom Eindringen abzuhalten, dann 
wurde geschlachtet, gebacken und gekocht, so gut 
es gehen wollte. Das Quartier war voll 
Ungeziefer, dennoch fühlten wir uns glücklich, 
daß wir die müden Glieder ans der bloßen 
Erde neben dem Ofen ausstrecken konnten. Die 
Nacht verlief ruhig". 
Noch ehe es am 12. Dezember Tag wurde, 
nahm die Truppe Abschied von ihrem Nacht 
quartier , welches unschätzbar, verglichen mit dem 
Lagern in grausiger Kälte war und rückte wieder 
auf die Hauptstraße, wo sie hinter der großen 
Armee marschirte. Die Kosaken machten viel 
Lärm, unternahmen aber nichts Ernstliches, nur 
Nachzügler stachen sie nieder. Bardeleben ver 
mochte nie lange zu Pferd zu bleiben, obwohl er 
mit einem guten Wolfspelz versehen war, unter 
den heftigsten Schmerzen mußte er absteigen, 
um den Weg zu Fuß fortzusetzen. Aber da er 
mit den umwickelten Füßen nicht in die Bügel 
treten konnte und beim Absitzen jederzeit erstarrt 
war ■, mußte er sich vom Pferde herabwälzen, 
wozu stets eine günstige Stelle ausgesucht wurde, 
an welcher das Pferd tief stand. So geschah es 
auch, als man bereits Kowno sah, unfern eines 
alten Klosters; in dem Augenblick als Bardeleben 
auf dem Schnee lag, fiel in der Nähe ein Schuß, 
das Pferd schrak heftig zusammen, riß seinem 
Herrn den Zügel vom Arm und sprang den 
Pferden der nächsten Kosaken zu ; diese fingen 
es als gute Beute ein und B., dessen Unfall 
von den weitermarschirenden Truppen nicht be 
merkt wurde, würde von den Kosaken gefangen 
worden sein, wenn nicht vor dem Kloster einige 
bewaffnete Soldaten sichtbar geworden wären. 
Dieser Umstand hielt die Feinde vom Verfolgen 
ab, sodaß Ä., obwohl mit unsäglicher Anstrengung 
und unter heftigsten Schmerzen, sich bis dicht 
vor Kowno zu schleppen vermochte. Hier traf 
er einen seiner Westphalen, welcher ihm mittheilte, 
daß das Regiment den Niemen auf dem Eise 
überschritten habe und vermuthlich in dem jenseits 
des Muffes liegenden Dorfe sich befinde und 
ihn unterstützte. Er traf denn auch wirklich dort 
sein Regiment und ein den Umständen nach 
gutes Quartier*). 
*) In betn oben angezogenen Werke über Fürst Wrede 
wird S. 242 ausgesprochen: „Die baierische Armee war 
nun vollständig vernichtet, aber zum ewigen Ruhme wird 
ihr gereichen, daß ihre Reste die letzten Truppen der 
großen Armee gewesen, welche noch in Ordnung und 
voller Kampssähigkeit an dem verhängnißvollen Grenzflüsse 
des russischen Reiches anlangten und erst an dessen Ufern 
der allgemeinen Auslösung verfielen". 
Nach Angabe des Buches erreichten Abends des 
11. Dezembers von der bairischen 2. Division 68 Mann 
Rumsziszki am rechten User des Niemen, 3 Meilen vor 
Kowno; 20 Offiziere und etwa 20 Mann retteten fich am 
Morgen des 12. Dezembers über den Fluß. Von der 
1. Division wurde der etwa 24 Mann starke Rest am 
12. Morgens gefangen, nur ihrem Kommandeur und 
einigen berittenen Offizieren gelang es, das linke User des 
Niemen zu erreichen. Ney hatte am 11. Dezember mit 
den Baiern den Russen Widerstand geleistet, wodurch 
sie beträchtliche Verluste erlitten. 
Zweifellos ist aber der für die Baiern beanspruchte 
Ruhm auch dem 4. westphälischen Regimente zuzuerkennen; 
da defien Rest weiter stromabwärts in der Nähe von 
Kowno im Laufe des 12. Dezembers, über das Eis des
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.