Volltext: Hessenland (4.1890)

32 
dessen Bestimmtheit, Gewandtheit und Gedächt 
niß er bei der Erledigung einer Menge von 
Geschäften bewunderte, reichte ihm die Hand 
mit den Worten „das ist brav, daß auch andere 
Deutsche nicht verzweifeln an unserem endlichen 
Sieg ..." auch diktirte der Minister einem 
Adjutanten einen Bericht an den König, in 
welchem das Erscheinen fremder Offiziere bei 
der Armee als Beweis angeführt wurde, wie 
'jenseits der Elbe die Stimmung für Preußen 
sei. Nach wenig Tagen traf ein huldvolles 
Schreiben des Königs ein, welches Bardeleben 
als Premierlieutenant zur Disposition des Gene 
rals von Blücher stellte, der eine Unternehmung 
nach Pommern leitete; Blücher empfing ihn mit 
einer Pfeife im Munde, deren Rohr fast zur 
Erde reichte. „Na das ist gut, wollt mit nach 
Pommern, der Teufel soll die Franzosen noch 
holen!" brachte ihn dann durch wenig respekt 
volle Aeußerungen über seinen Kurfürsten in 
Verlegenheit. 
Bei der Einschiffung in Pillau sah er den 
König, welcher am Strande ernst und schweigend 
in der Richtung nach Danzig blickte, dessen 
Kanonendonner man nicht mehr hörte — die 
bangen Zweifel wurden durch die Nachricht von 
dem Falle der Festung geendigt. Nach stürmischer 
gefährlicher Fahrt landeten die Truppen Blüchers 
auf Rügen und zogen dann in Stralsund ein. 
König Gustav IV. Adolf von Schweden war 
anwesend und betrieb den Zug gegen Napoleon, 
den er bitter haßte, aber außer auf dem Papiere 
war wenig dazu vorhanden. Als Blücher in 
Stralsund erschien, begrüßten ihn sämmtliche 
preußische Offiziere und er unterhielt sich auf 
seine eigenthümliche Weise; als man ihm mit 
theilte, Schill sei in den Saal getreten, ging 
er rasch auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand 
und rief mit dem Tone innigster Treuherzigkeit: 
„Na seid willkommen, braver Schill . . ." dann 
strich er sich lebhaft den Bart, fiel Schill um 
den Hals und küßte ihn. Sein bisheriges Be 
nehmen eines echten Soldaten lobte Blücher, 
drastische Aeußerungen mit dem Lobe mischend, 
doch klang das so eigenthümlich und gutmüthig, 
daß alle Anwesenden tief bewegt zuhörten. 
Der General wählte Bardeleben und zwei 
andere hessische Offiziere, die Rittmeister von 
Bennigsen und von Löw*) zu einem Auftrage 
*) Löw scheint derselbe zu sein, welcher 1806 als Pre 
mierlieutenant Jakob Baaker von Leuwen im kurfürstlichen 
Husarenregimente stand. 
aus, den er als „etwas gefährlich" bezeichnete; 
sie sollten sich dem die Angelegenheiten an der 
unteren Elbe leitenden Fürsten Wittgenstein zur 
Verfügung stellen, worauf die Drei natürlich 
gern eingingen. Wieder folgte eine höchst un 
angenehme Seefahrt, darauf reisten die Offiziere 
nach Altona. Hier war ihre Stellung unklar, 
Wittgenstein nicht anwesend, sie kamen durch 
Unvorsichtigkeit eines Lieutenants Reiche, welcher 
in Hamburg Waffen und Kleidung für eine 
Kompagnie Jäger bestellt, fast in die Hände der 
französischen Machthaber. Der hessische Major 
Mensing setzte den Kameraden seinen Plan aus 
einander, Hessen zu insurgiren, auf dem Meißner 
ein Lager für die Bewaffneten und Unbewaffneten 
zu errichten und von da weiter zu wirken. 
Phantastisch fand Bardeleben den Plan und 
meinte, im Oktober 1806 hätte eine Volks 
erhebung wohl Aussicht auf Erfolg gehabt, das 
entwaffnete Land könne nichts leisten. Heute 
wissen wir, daß ein noch viel weiter gehender 
Plan im Frühjahr 1807 betrieben wurde, zu 
dessen Gelingen freilich aus Oesterreichs Mit 
wirkung gerechnet wurde: England und Schweden 
wollten ein Landungskorps an die Elbe senden, 
in Hannover, Westphalen, Hessen, nach Süd 
deutschland hinein sollten Volkserhebungen im 
Rücken Napoleons diesen in gefährliche Lage 
setzen. Hiermit hing es zusammen, daß Blücher 
gerade Hessen an die Elbe sendete. 
In diese Zeit der Aufregung, feuriger Hoffnung 
auf einen Feldzug, fiel die Nachricht der am 
14. Juni geschlagenen Entscheidungsschlacht von 
Friedland, nach welcher der Widerstand gegen 
Napoleon nicht fortzusetzen war. Vernichtet er 
schien die Aussicht auf bessere Zeit, Preußen 
mußte sein Heer auf ein Sechstheil vermindern, 
Bardeleben empfing den nachgesuchten Abschied 
mit dem Charakter als Kapitain, 12. September 
1807. „In . tiefster Niedergeschlagenheit und 
hoffnungslos war ich von meinem verunglückten 
Kreuzzuge nach Königsberg zu meiner Familie 
in Soest zurückgekehrt" heißt es in dieser Zeit. 
(Fortsetzung folgt.) 
Berichtigung: Zn Nr. 2, 1890 des Hessenlandes 
S. 19 Z. 3 v. o. muß es in der Klammer heißen: (75 
in der Minute, wie der heutige „langsame Schritt", während 
beim „geschwinden" 108 in der Minute gemacht wurden.) 
Daselbst S. 21 Z. 10 v. O. muß es statt 15. November 
heißen: 10. Zuli.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.