Full text: Hessenland (3.1889)

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Univ er sitäts Nachrichten. Nach dem nun 
mehr fertiggestellten Personal-Berzeichnisse der Uni 
versität Marburg beträgt die Zahl der Stu- 
direnden im laufenden Wintersemester 78 3. Bon 
diesen widmen sich der Theologie 146, der Juris 
prudenz 103, der Medizin 239 und der Philosophie 
295. Außer diesen Studirenden besuchen noch 51 
nichtimmatrikulirte Hörer die Vorlesungen, so daß 
sich die Gesammtzahl auf 805 Hörer stellt. — Pro 
fessor Dr. Max Lehmann in Marburg hat einen 
wiederholt an ihn ergangenen Ruf als Professor der 
Geschichte an die Universität Straßburg abgelehnt. — 
In Leipzig starb am 18. Dezember in seinem 60. 
Lebensjahre unser hessischer Landsmann, der Professor 
der landwirthschaftlichen Hochschule daselbst, Geheime 
Hofrath D. Adolf Blomeyer, gebürtig aus 
Frankenhausen bei Kassel. 
Hessische Kücherschau. 
Die Gedichte Carl Presers (4. Auflage, Ver 
lag von Ernst Hühn, Kassel 1890) und das III. 
Bändchen der Gedichte A. Trabert's (Frankfurt, 
Verlag von G. Wendel 1889) haben wir unseren 
Lesern schon angezeigt, wir wollen aber um so weniger 
verfehlen, auf diese beiden literarischen Erscheinungen 
aufmerksam zu machen, als ihre Verfasser hochge 
schätzte Mitarbeiter des „Hessenlandes" sind. Presers 
Gedichte sind von tiefer Empfindung, großem Wohl 
laut und außerordentlicher Formvollendung; daß sie 
in unserer unlyrischen Zeit Würdigung finden, be 
weist der Umstand, daß sie in vierter Auflage er 
scheinen. Diese vierte Auflage ist bereichert und zwar 
vielfach durch Beiträge, an denen wir uns schon im 
„Hessenland" erfreut hatten. Ein Gedichtchen, uns 
neu, sei als Probe hergesetzt: 
Seit ich Dir Alles hingegeben 
Und nichts behielt für mich zurück 
Ist mir's, als lebte ich ein Leben 
In lauter Reichthum, Glanz und Glück. 
Zwar hab' ich nichts mehr zu verschenken, 
Und doch: je mehr die Augen sich 
In meine Armuth tief versenken, 
Um desto wohler fühl' ich mich. 
Was ist das für ein Wunderleben, 
Sag an, du schöne Zauberin, 
Daß ich, seit ich mich arm gegeben, 
So überreich geworden bin? 
Trabert's klangvolle Weisen sind unsern Lesern 
nicht minder vertraut. Wie die beiden ersten Bändchen 
seiner „Gedichte aus Oesterreich", so bringt auch das 
vorliegende dritte, das den Sondertitel „Trösteinsam 
keil" führt, prächtige Strophen ernsten und heitern, 
friedlichen und polemischen Charakters. Gefallen 
haben mir insbesondere auch die Lieder „Ergo 
bibamus", in welchen Freund Trabert so ausgelassen 
singt, daß wir fühlen: der Dichter ist jung geblieben 
im Herzen trotz der Jahre und trotz Alles dessen, 
was sie brachten. Ich schließe mit dem herzigen und 
beherzigenswerthen Liede Trabert's „Wein und Kuß": 
Laßt blinken den Becher des Weines voll 
Im fröhlichen Zecherkreise! 
Doch wißt: vom Kelche der Liebe soll 
Man kosten heimlicher Weise. 
Wohl lodert die Freude je Heller, je mehr 
Der Freunde sich finden beim Weine; 
Doch küssen, sind Andre noch um uns her, 
Das zieht den Kuß in's Gemeine. 
Die Liebe sei Dir ein Tempel, um den 
Die Schleier der Nacht sich breiten, 
Und ihr enthülltes Geheimniß sehn 
Soll einzig der Blick des Geweihten. 
Wünschen möchte ich, daß die beiden hier nur 
flüchtig besprochenen Bücher ganz besonders auch in 
hessischen Kreisen Leser finden würden. Z>. S. 
König Herwig's Brautfahrt. Schauspiel 
in vier Aufzügen von N. vom Hof. Die Ver 
fasserin, welche seither hauptsächlich den Roman und 
die Novelle gepflegt hat, wir wollen hier nur die 
„Erbin" und die bereits in diesen Blättern be 
sprochene vortreffliche Erzählung „Krone und Kerker" 
nennen, hat sich neuerdings auch der Bühne zu 
gewendet und mit dem vorgenannten dramatischen 
Gedichte die Befähigung dargethan, daß sie auch auf 
diesem Felde Gutes zu leisten versteht. Der Stoff 
ist der Gudrunsage entnommen und da gegenwärtig 
die alten Mären gleichsanr im Mittelpunkt des 
höheren dramatischen Interesses stehen, so dürfte man 
annehmen, daß ein Werk, welches die sympathische 
Gestalt der „Gudrun" behandelt, von den Bühnen 
auch Berücksichtigung fände — aber, trotzdem das 
Werk beinahe seit Jahresfrist im Debit der Deutschen 
Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten 
in Leipzig erschienen ist, hat sich noch keine Intendanz 
oder Direktion bewogen gefunden, das Stück, trotz 
seiner Lebensfähigkeit — einige scenische Unbeholfenheiten 
lassen sich, beiläufig gesagt, sehr leicht beseitigen — 
zur Aufführung zu bringen. Doch man darf nicht 
ungerecht sein, ein Theater-Direktor hat das Stück 
wirklich angenommen, schon ehe es im Druck er 
schienen war, aber — noch nicht einstudirt. Schreiber 
dieses hatte Gelegenheit den betreffenden Bühnen-Leiter 
vor einiger Zeit darüber zu befragen, weshalb er so 
lange zögere, das Werk Fleisch und Bein werden zu 
lassen. „Das Stück ist gut", erwiderte er, „gegen 
das Stück läßt sich fast gar nichts sagen und ich 
werde es auch ganz bestimmt geben!" — „Aber 
wann?" war meine bescheidene Frage. Er zuckte die 
Achseln und wenn er auch gerade nicht „Je nun" 
sagte, so waren, ehe „König Herwigs Brautfahrt" 
an die Reihe kommen sollte, doch erst noch recht 
viele andere Sachen zu besorgen, neue Stücke von 
bekannten Autoren vorzuführen, oder neue Stücke 
zu geben, welche eben an der Zeit waren und die 
bei einiger Verspätung für das Publikum kein Inter-
	        

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