Full text: Hessenland (3.1889)

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aussah, wie ein Gnom, ganz zusammengeschrumpft, 
mit einem dicken Kopf und rothen Haaren. Das 
war mein Freund Heine — mit seinen durch 
sichtigen Fingern schlug er sich eines der geschlossenen 
Augenlider in die Höhe, sah mich an und stöhnte: 
Ja, du bist es, alter Junge! — und dann: Cham 
pagner Mathilde! Nun sollen die lustigen Tage, die 
wir in Göttingen und Kassel und Hamburg verlebt, 
wieder neu 'emportauchen! Weißt Du noch, „da saß 
ich armer Jüngling zu Kassel auf der Wache! u — 
Mir wurde es dabei ganz närrisch zu Muthe, denn 
nun ging das liebe Leben wieder los und außer der 
Stimme war an dem lieben, alten Burschen, den ich 
wegen seiner gottlosen Denkungsart vor vierzig Jahren 
so manchmal durchgerammelt hatte, absolut nichts mehr- 
übrig geblieben!" So erzählte Armand, unstreitig 
in der amüsantesten Weise Wahrheit und Dichtung 
untereinandermischend, sodaß man ihm Stunden lang 
zuhören konnte. Bezüglich seiner Behauptung, Heine, 
welcher von Göttingen ans in seinem — Strubbergs 
— väterlichen Hause in Kassel häufig verkehrt, wegen 
seiner irrreligiösen Ansichten durchgeprügelt zu haben, 
sei erwähnt, daß Armand oftmals seinen christlichen 
Standpunkt betonte und darin soweit ging, daß er 
zu Anfang der achtziger Jahre ernstlich den Gedanken 
aussprach, eine Eingabe an den Reichstag zu machen, 
in welcher er Protest gegen verschiedene Mitglieder 
desselben erheben wollte, da dieselben notorische 
Atheisten seien und ans diesem Grunde nicht in die 
Volksvertretung eines christlichen Staates gehörten. 
Bei meiner Bekanntschaft mit Armand war es 
natürlich, daß ich ihm, dem alten, gewiegten Ro 
mancier, meine ersten novellistischen Versuche zur 
Durchsicht gab, aber er war von der einfachen Er 
zählungsweise in denselben wenig erbaut. „Mehr 
Peffer!" war seine ständige Ermahnung, „das ist 
Alles recht schön und gut, aber — mehr Peffer!" 
Trotzdem, daß die Erzählungen für seinen Geschmack 
zu wenig gepfeffert waren, gab er mir Empfehlungen 
an den Verlagsbuchhändler Werner Grosse in Berlin 
und an die Bohemia in Prag, deren Chefredakteur- 
sein langjähriger Freund und in deren Verlag auch 
eines seiner Werke erschienen war. Er ließ es mir 
nie an seinem Rathe fehlen, der aber fast immer 
damit schloß, vor allen Dingen gegen die Buch 
händler auf der Hut zu sein. Sein Miß 
trauen gegen den unberechtigten Nachdruck feiner 
Schriften war so groß, daß er, wenn eines seiner 
Bücher sich im Druck befand, in die Offizin ging 
und allabendlich die Formen versiegelte. In vielen 
seiner Romane liest man auch am Schluß eines 
jeden Bandes eine etwa dahin lautende Anmerkung, 
daß, wenn hin und wieder ein Buchstabe verkehrt 
gesetzt sei, dies auf keinem Versehen der Druckerei 
beruhe, sondern auf Veranlassung des Verfassers ge 
schehen sei; der Grund zu dieser seltsamen Mani 
pulation lag wiederum darin, daß er durch dieselbe 
jeden Nachdruck leicht erkennen wollte. 
Von der Schlagfertigkeit Strubberg's, wenn ihm 
Jemand „an den Karren kam", mag die folgende 
kleine Geschichte ein Beispiel geben. Als er nach 
seiner Zurückkunft aus Amerika häufig im Hotel 
Schombardt verkehrte, bemerkte er, daß einem bet* 
Herren, welche ihn an ihren Tisch eingeladen hatten, 
seine Anwesenheit nicht besonders zu behagen schien. 
Eines Tages nun saß er in einer sehr distinguirten 
Gesellschaft gerade neben jenem Herrn, als die Rede 
auf seinen Mantel kam. „Ihr Mantel, lieber Strub 
berg", sagte ein höherer Offizier, „muß doch recht 
viel erzählen können, da er seit Jahren Ihr treucr 
Reisebegleiter gewesen ist." — „Ja wohl", erwiderte 
Strubberg, mit lebhafter Armbewegung auf seinen 
an der Wand hängenden Reitermantel deutend, „von 
dem alten Burschen kann man auch bald singen 
„Schier dreißig Jahre bist du alt, hast manchen 
Sturm erlebt!" Die Prairie hat er mit mir durch 
flogen, anr Wachtfeuer hat er mit mir gelegen, Noth 
und Strapazen, Alles hat er mit mir durchgemacht, 
mein alter Mantel, das Interessanteste aber daran 
ist, daß das Zeug dazu mir vor Jahren hier in 
Kassel der Vater von unserm guten, lieben Herrn 
— und dabei schlug er den neben ihm Sitzenden 
kräftig auf die Schulter — „an der Elle abgemessen 
hat!" Mit dem „unverwüstlichen Kapitän" war 
eben nicht gut Kirschen essen. — 
Sind Armand's Romane jetzt auch nicht mehr so 
gelesen, wie früher, hier in Kassel wird die Er 
innerung an den merkwürdigen Mann bei Allen, die 
ihn gekannt oder gesehen haben, nicht erlöschen. 
Möge das Grab des in stiller Zurückgezogenheit 
Dahingeschiedenen nie liebevoller Pflege entbehren! 
-f-XH- 
Maierrmorgen. 
Die kleinen Vögel singen, 
Es weht so mild die Luft. 
Von drüben die Syringen 
Versenden köstlichen Duft. 
Kein Wölkchen zu erblicken 
Am weiten Himmelsraum, 
Ein Morgen zum Entzücket:, 
Gleich einem Märchentraum. 
Und wie ihr Strahlenfeuer 
Die Sonne funkeln läßt, 
Ist jeder Tag uns Heuer 
Ein herrliches Maienfest. 
Kngo Wrunner.
	        

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