Volltext: Hessenland (2.1888)

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Aus alter und neuer Zeit. 
— Unsere nordöstliche Stammes- 
Grenze. In dem jüngst erschienenen Anhange 
zu meiner Chattischen Stammes-Kunde habe ich auf 
Seite 14 geschrieben: 
Die Werra, von Hedemünden aufwärts bis bei 
nahe Salzungen, wird an beiden Ufern von 
ch attischem Volke bewohnt. Die von den frän 
kischen Begründern des deutschen Reiches vorgenom 
mene Gau-Einteilung war keine streng stammheit- 
liche, sondern vor allem auch eine verwaltungs 
mäßige. Daher konnte es geschehen, daß im An 
gelände unterer Werra hessische Bevölkerung in 
thüringische Gaue einbezogen ward, über die jedoch 
— was nicht zu vergeßen — fränkische Grafen als 
Vögte gesetzt waren. 
Im Anschlüße hieran sollte es noch heißen: 
Durchaus unberechtigt ist, wenn darauf hin dem 
noch u n b e z w u n g e n e n Thüringer Reiche, z. B. 
im Sprunerischen Atlasse, schon eben diese westliche 
Erstreckung gegeben wird. Richtig zeichnet Putzger. 
Wie die Bevölkerung im Altertume geheißen 
Halles die heute zwischen goldener Aue und dem 
Rennstiege wohnet, wißen wir nicht; der überlieferte 
Name Hermunduren passet vielmehr auf das jetzo 
doch gar uneigentlich Ostfranken genannte Gebiet. 
Echte Franken, d. h. im Blute, sind nur die Be 
wohner Hessen-Naßau's und der Rheinprovinz; 
nicht aber die Würzburger, Bamberger, Nürnberger. 
Hinwider war der Ausdruck Thüringer Reich eine 
Bundes-Bezeichnung, der einst von der Magdeburger 
Börde bis über den Brenner reichte, jeweilig auch 
Böheim mitbegriff. In der Einschrenkung gilt 
Thüringen dann eben für den sonst unbenannten 
Stamm in: Angelände der Unstrut und Sale. 
Mitteilungen über die Grenze zwischen den chat 
tischen Franken und den Thüringen vor dem Jahre 
531 besitzen wir in keiner Weise. Da jedoch die 
mundartliche Grenze beider Völker auf der Waßers- 
Scheide der Werra zur Unstrut ligt, so muß diese 
auch als echte alte Stammes-Grenze gelten. Un 
statthaft ist also, für jene Zeit schon eine Grenze zu 
zeichnen — worin eben viele geschichtliche Karten 
fehlen — die ja von den merowingischen Königen 
und karolingischen Hausmaiern hinter drein unter 
anderem Gesichts-Punkte erst abgesteckt ward; als 
nemlich Thüringen dem fränkischen Reiche bereits 
einverleibt war. 
Widukind (1. Buch, 9. Absch) berichtet zur Schlacht 
von Rönberg, die bekanntlich mit völliger Nieder 
lage der Thüringe endete, daß beide Heere nahe 
der Landes-Mark zusammen gestoßen seien. Es 
war im Gefilde von Langensalza. Die Ermittelung 
der Örtlichkeit, gegenüber wunderlichstem Tasten, 
verdanken wir L. Hoffmann (Jahres-Bericht höherer 
Bürger-Schule zu Rathenow von 1872). Der An 
marsch des chattischen Heerbannes wird auf der 
alten Straße durch den Ringgau erfolgt sein. Die 
Trümmer des thüringischen Heeres wichen Unstrut 
abwärts nach Burg Scheidungen, unweit Naumburg. 
Wer je auf der Waßers-Scheide der Werra zur 
Unstrut gewandert ist, dem muß alsbalde, ob er sich 
auch nicht mit mundartlicher Forschung besäße, verän 
derte Landes- und Volks-Art aufgefallen sein. Hüben 
echt hessische Orts-Namen, keine auf —stedt und 
—leben; drüben überwiegend welche mit diesen Aus 
gängen! Auch die Wartburg ist auf altchattischem 
Boden erbauet; doch in Betreffe Eisenachs entstund 
Hader. Die Mundart daselbst ist gemischt. — 
Die gesamte fränkische Reichs-Einteilung lehnte 
sich nur ungefähr an ältere Gaue und Stammes- 
Gebiete an. Gerade wie solches heute für Ab 
grenzung der Provinzen, Regierungs-Bezirke und 
Kreiße gilt. Lothringische Gaue gab es, in deren 
einer Hälfte wallonisch, in anderer aber deutsch ge 
sprochen ward. Das rein alemannische Niederbühl, 
südlich von Rastadt, siel eben so gut ins Herzogtum 
Franken als unser Wolfhagen. 
Jene Linie, die Niederhessen und Buchonien wider 
artig zerschneidet, als Grenze gegen Thüringen und 
das unechte Ostfranken, ist in stammheit- 
l i ch e r Hinsicht eine ganz willkürliche, indem sie 
jenen Ländern chattische Striche zuteilt. Beachtung 
der Mundart ist für Aussonderung alter Stammes- 
Gebiete daher unerläßlich; die sonst höchst verdienst 
lichen geschichtlichen Karten genügen solchem Zwecke 
nur in einzelnen Fällen. 
Noch sei wegen der Namen Hermun-Duren und 
Thüringe eine Bemerkung geboten. Sie fugen mit 
Nichten zusammen. D und Th sind nemlich zeit- 
genößisch; beide gehören gleichmäßig älterer Laut 
stufe an. Neuhochdeutsch müßten die Duren viel 
mehr Türen, die Thüringe aber doch Düringe 
heißen. Man vergleiche englisch Day und Thank, 
gegenüber Tag und Dank. — 
Beider Verhältnis bleibt also dunkel. — 
Ich schließe mit einem Satze aus meiner Chat 
tischen Stammes-Kunde: Man muß es sich einfach 
nicht gefallen laßen, wenn heute die allhessische 
Stadt Vach an der Werra von Unkunde und Mode- 
Spielerei den Zusatz in Thüringen empfängt. Nach 
glücklichem Wiederbesitze unserer schönen Werra-Land 
schaften während manches Jahrhundertes, mußten wir 
einen Teil derselben in 1816 abermals abtreten — 
und zwar nur damit der Herzog von Weimar doch 
Großherzog werden könne! 
Wahrlich, treue Hingabe und unsagbar schwere 
Opfer des hessischen Volkes, im Ringen für 
Deutschland gegen Frankreichs Macht, hätten wol 
Anerkennung durch Gebietes Zuwachs, nicht jedoch 
Schwächung verdient. Wie hinwieder, etwa in 1792, 
die vaterländische Stimmung anderwärts ge- 
artet war, darüber wolle man z. B. in Ditfurth's
	        

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