Full text: Hessenland (2.1888)

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O Lorbeerbaum, o Lorbeerbaum, 
Mach' Du dich uicht so kühne, 
Es sind von meinen Brüdern drei, 
Die hauen Dich hernieder." 
„Hau'n sie mich diesen Winter ab — 
Auf's Frühjahr grün' ich wieder! 
Ein Mädchen, das die Ehr' verliert, 
Das findet sie nicht wieder." 
Interessant sind auch die seltener vorkommen 
den, dramatisch belebten Wechsellieder, in denen 
ein Theil gesungen, der andere gesprochen wird. 
Z. B. die Mädchen singen: 
„In Stücke möcht' ich mich zerreißen, 
Jn's Wasser möcht' ich springen, 
Dieweil mein Schatz 'ne Andre liebt: 
Möcht' ich mich selbst umbringen!" 
Die Burschen: 
„Wer ist denn draußen?" 
Die Mädchen: 
„Ein ganz verlaß'nes, armes Mädchen. 
Bon ihrem Schatz verlassen. 
Sie fragt, ob er nicht drinnen wär? 
Sie sucht auf allen Gassen." 
Die Burschen sprechen: 
„Bin nicht zu hausen!" 
Die Mädchen singen: 
„Schon gut, jetzt denkst Du nicht daran" rc. 
Das Lied verliert sich in's Gemeine, Unschöne, 
aber gesungen und gesprochen hat es doch etwas 
Drastisches, Lebensvolles, und die Moral, welche 
die Mädchen gern recht laut und im vollen Chore 
singen, lautet: 
„So geht's, wenn man zu gerne glaubt 
Und gar zu zärtlich liebet. 
Wer jedem süßen Worte traut 
Wird hinterher betrübet." 
Uns gährmöer Heit. 
Novelle von F. Zlorck. 
(Fortsetzung.) 
§ anz gelassen durchschritt der Gefangene das 
enge Gemach und pfiff noch dazu die 
Melodie eines Freiheitsliedes. 
So konnte denn auch der Schließer dem In 
spektor melden: „Der Gefangene, welcher gestern 
oben in die höchste Zelle gebracht sei, scheine ein 
hartgesottener Sünder zu sein. Er habe sogar 
ein polizeilich untersagtes Lied gepfiffen. Im 
Uebrigen ließe dieser itnverbesserliche Bösewicht 
den Herrn Inspektor um etwas zum „Lesen" 
bitten." 
Lotte hörte diesen Bericht. Sie fertigte eben 
Fritz für die Schule ab, als der Schließer die 
Meldung machte. 
Der Inspektor, ein Mann in mittleren Jahren, 
sah, da er meist leidend war, schon recht alt und 
grämlich aus. Auch heute fühlte er sich nicht 
wohl. Seine Stimmung war daher durchaus 
nicht rosig und er sagte unwirsch: „Was lesen? 
Ich lasse ihm sagen, er würde wohl vorläufig 
noch genug zu „denken" haben." 
Schon wollte sich der Mann mit diesem Be 
scheid entfernen, als Lotte dem Vater die Hand 
auf die Schulter legend bat: „Ach Väterchen, 
schicke ihm doch ein Buch. Langeweile ist doch 
zu entsetzlich. Und es scheint doch ein gebildeter 
Mensch zu sein, sonst bäte er nicht um Lektüre." 
„Na, da hole ihm meinetwegen ein Buch. Ist 
zwar gegen das Reglement", brummte der alte 
Herr. — 
Zehn Minuten später berichtete der Schließer 
an Paul die Worte des Herrn Inspektors in 
getreuer Wiederholung. 
„Nun und Sie bringen dennoch das Buch 
mit?" fragte der. 
„Ja, das hat das Fräulein ausgewirkt, sonst 
hätt's der Herr Inspektor nicht gethan. Na, 
wenn Sie da immer lesen wollen, können Sie 
sich auch noch um den Verstand lesen. Drei 
hundert und fünfundsechzig Tage das Jahr, jeden 
Tag nur zwölf Stunden, da kriegen wir schon 
eine hübsche Zahl." Damit schob er sich zur 
Thür hinaus, und die mächtigen Schlüssel läuteten 
immer ferner verhallend durch den Gang davon. 
II. 
Wochen waren verstrichen. In der Welt draußen 
hatten sich wohl wichtige Dinge ereignet. Jeder 
Tag bringt ja 'im steten Wechsel neues Leid, 
neue Freude. 
Dem einsamen Manne da oben im kleinen 
Thurmgemach schien es mitunter, als stehe die 
rastlose Zeit nun still. Für ihn gab es nichts 
zu thun. Für ihn gab es keinen Wechsel im
	        

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