Full text: Hessenland (1.1887)

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von Solms, Isenburg, Erbach und Hohenlohe, 
den Grund zu ihrem Gotteshause, welches noch 
heute jedem Fremden durch seine übermäßig 
hohes Dach auffällt. Es sollte die durch die 
Sprache getrennte, aber durch gemeinsamen Glauben 
und gemeinsame Leiden mit einander engver 
bundenen Gemeinden, die der holländischen und 
der wallonischen Zunge, unter einem Dach ver 
einigen, wie es in einer alten Urkunde in vlämischer 
Mundart heißt: 
op dat bey <le sprakeii onder eene eappe 
mögen geoppnet werden, also parc endrachtig- 
keit ende glychheit en de religio te bewisen 
tot grot maebinge des naems godes. 
Am 24. Juni 1608 konnte der Thurm aufgestellt 
werden. Am 29. Oktober desselben Jahres wurde 
die Kirche durch einen in der wallonischen Ab 
theilung, welche damals die kleinere war, ge 
haltenen Gottesdienst eingeweiht, wobei über 
tausend Menschen an der gemeinsamen Abend 
mahlsfeier theilnahmen. 
s Philipp Ludwig halte endlich versprochen auf 
»eine Kosten die neue Stadt mit Wall und Graben 
Amgeben zu lassen. Schon 1597 wurde mit 
laushebung des Grabens an verschiedenen Stellen 
^r Anfang gemacht. Der Graf ließ dazu von 
tz chlüchtern Teichgräber toiuiue». Nachdem mau 
i»rch den sogenannten Transsix vom 1 August 
601, einer Ergänzung und Erläuterung der 
Kapitulation, darüber einig geworden war, daß 
die Hälfte der städtischen Einnahme auf drei 
Jahre zum Festungsbau verwendet werdet, sollte, 
wofür der Graf den Bürgern andere Erleichterungen 
gewährte, wurde der Bau der Umwallung eifriger 
betrieben, so daß dieselbe sammt Thoren und 
Zugbrücken beim Tode des Fürsten fast ganz 
vollendet war. 
So sah Philipp Ludwig schon während seines 
Lebens das große Werk vollendet, dem er seine 
besten Kräfte gewidmet hatte und mit hoher Be 
friedigung durfte er die Früchte einer Arbeit 
genießen, die ihm trotz aller sich entgegenstellenden 
Hindernisse gelungen war. Tausend fleißige 
Hände regten sich in allerlei Gewerbe und Hand- 
thiernng vor den Thoren seines alten Hanau in 
der neuen Stadt, deren schnurgerade Straßen, 
hochgegiebelte Häuser und mit Linden bepflanzten 
Plätze die neuen Bewohner lebhaft an die ver 
lassene Heimath erinnertet,, in der auch Philipp 
Ludwig seiner Zeit zur Ausbildung seines Geistes 
längere Zeit geweilt hatte. 
^ Ein drittes Werk Philipp Ludwigs war die 
Stiftung des Gymnasiums oder der hohen Landes- 
schule. Bisher mußten diejenigen, welche eine 
höhere Bildung begehrten, die von dem Abt Petrus 
Loiichins im Jahre 1543 gegründete Kloster- 
schilc zu Schlüchtern besuchen Hanau besaß 
nur eine sogenannte deutsche Schule, in deren 
öderen Klassen auch die Anfänge der lateinischen 
Sprache unterrichtet wurden. Philipp Ludwig 
faßte nun den Plan diese Schule zu einer höheren 
Lehranstalt auszubauen. Dieselbe sollte nicht 
blos eine höhere lateinische Schule, sondern ein 
gvmnasium illustre sein, auf dessen höchster 
Stufe akademische Vorlesungen über Theologie, 
Rechtswissenschaft und Medizin gehalten werden 
sollten. Zn dem Ende erließ er 1607 ein Edikt, 
wodurch dieser Anstalt gewisse nicht unbeträchtliche 
Einkünfte im Bereich der Grafschaft zugewiesen 
wurden. Dieses Edikt ist als die Stistungsur- 
künde des noch jetzt blühenden Gymnasiums zu 
betrachten. In dieser Urkunde ist ein Fluch aus 
gesprochen über die, welche die Stiftung ihres 
ev mgelisch-reformirtenCharakters berauben würden. 
Man hat diese Worte in neuerer Zeit so ge 
deutet, als gingen sie nur auf die, welche der 
Anstalt die ihr zugesicherten Einkünfte vorenthalten 
würden, allein eine genauere Betrachtung des 
Textes zeigt deutlich, daß sie dazu bestimmt war, 
der Anstalt den konfessionell reformirten Charakter 
zu wahren. Dies erschien aber Philipp Ludwig 
„in so nöthiger als zu befürchten stand, daß die 
lutherisch gebliebenen Hanau-Lichtenberger Linie, 
welcher schon durch einen Vertrag vom Jahre 1581 
die Nachfolge für den Fall des Aussterbens der 
Linie Hanau - Münzenberg zugesichert war, den 
Bekennt,,ißstand des Landes verändern würde. 
Philipp Ludwig legte auch schon den Grundstein 
zu dem jetzigen Gymnasialgebiiudc, es war ihm 
aber nicht beschieden, das begonnene Werk vollendet 
zu sehen. Erst seine Wittwe Katharina Belgika 
konnte die Anstalt, nachdem sich ein genügender 
Fond angesammelt hatte, durch die Berufung 
dreier bedeutender Gelehrten, der Heidelberger 
Professoren Paräus und Tossanus und des aus 
Nauheim gebürtigen Mediziners, Dichters und 
Historiographen Petrus Lotichius III. eröffnen. 
Und Graf Friedrich Kasimir vollendete erst 1665 
den in dem Sturm des dreißigjährigen Kriegs 
liegen gebliebenen Bau. Allein dennoch hat man 
von je in Philipp Ludwig den eigentlichen Gründer 
des Gymnasiums gesehen, demso manches Geschlecht 
seine klassische Bildung verdankt hat. Darum 
hangt auch seit alten Zeiten sein Bild über dem 
oberen Katheder der alten Aula. Es zeigt uns 
unter einer hohen Denkerstirn die feinen aber 
, blassen Züge eines von angestrengter Geistes 
arbeit früh gealterten Angesichts. 
Weitere Werke des Grafen waren die Anlage 
der Judengassc auf einem zugeschütteten Festungs-
	        

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