Volltext: Hessenland (8.1894)

252 
der sich in ritterlichster Weise gegen mich benahm, 
gestand mir, daß Bismarck mich nicht habe 
reisen lassen wollen und der König nur mit 
Mühe dahin gelangt sei, mir sein Wort zu halten, 
weshalb auch die Klausel: „einige Tage" ein 
geschoben wurde. — Um 7 Uhr war ich auf dem 
Zug nach Stettin, und um Vs 11 Uhr empfing 
mich Papa mit Major von Esch Wege*) auf 
dem Bahnhof daselbst. Er begleitete mich in das 
Hotel de Pruste, wo vom König Wohnung für 
mich bestellt war und blieb noch längere Zeit 
bei mir, um endlich nach langen, traurigen 
Tagen Nachrichten aus der Heimath zu be- 
kommen. — Papa wohnt im Schloß, in schönen 
luftigen Räumen, gothisch gewölbt, aber geschmacklos 
in pompejanischer Weise bemalt. Er hält sich in 
seinem Schlafzimmer auf, daneben im Salon 
des Grafen Pückler lautet: „Auf allerhöchsten Befehl 
des Königs erhalten die Frau Fürstin von Menburg- 
Wnchtersbach, Durchlaucht, die Erlaubniß, nach Stettin 
reisen und sich daselbst einige Tage aufhalten zu dürfen. 
Berlin, den 28. Juni 1866. Oberhofmarschall Sr. Majestät 
des Königs. Graf Pückler." 
*) Flügeladjutant Ludwig von Eschwege. 
frühstücken wir allein um 12 Uhr, und im an 
stoßenden Saal, den eine starke Säule in der 
Mitte trägt, wird dinirt. An der Mittagstafel 
nehmen Theil die sechs Herren im Gefolge: 
Major vonEschwege, Rittmeister von Vers chuer, 
Hauptmann von Bau mb ach, Hanptmann Brack, 
Lieutenant von Lengerke, Geh. Hofrath 
Dr. Bunsen*) und außerdem der zugetheilte 
preußische General von Nahm er. Die Hof 
haltung ist königlich, gute Küche, große Diener 
schaft, zwei Wagen und sechs Pferde. Unsere Tages- 
eintheillmg ist, daß Papa mich um 10 Uhr zum 
Spaziergang abholt, der Adjutant vom Dienst 
begleitet uns, und wir gehen gewöhnlich auf die 
Wälle; nach ungefähr 1 Vs Stunde gehen wir 
in's Schloß, frühstücken, und um 1 Uhr kehre ich 
bis zur Tafelzeit, 4 Uhr, in mein Hotel zurück. 
Nach Tafel Spazierfahrt, bei der ausgestiegen und 
gegangen wird; um '/28 Uhr Thee bei mir, 
Papa allein, dann Dominospiel, und um 9 Uhr 
geht er, abgeholt vom Adjutanten, in's Schloß 
zurück. 
*) Leibarzt des Kurfürsten. 
Philipp der Großmüthige, Landgraf von Hessen 
1504—1567. 
Von H. Metz. 
(Fortsetzung.) 
^Pe schwere Stellung der evangelischen, stark 
Wt gefährdeten Partei erforderte die größte 
Cy Aufmerksamkeit ihrer Anhänger, so auch des 
Landgrafen Philipp, zunächst gegenüber seinem 
Schwiegervater Georg von Sachsen. Durch mehrere 
Handlungen hatte derselbe seinen Widerwillen 
gegen die neue Lehre offenbart. In Dresden erhielt 
Philipp durch den Vizekanzler Georg's, Otto 
von Pack, Doktor der Rechte, eine mit des 
Herzogs Petschaft versehene Abschrift eines an 
geblich geschlossenen Bündnisses. Der Inhalt der 
Schrift, soweit sie den Landgrafen Philipp anging, 
war der, daß der Landgraf sammt seinen Kindern, 
wenn er in der Ketzerei verharre, seines Landes 
auf ewige Zeit entsetzt werden sollte; sein Land 
sollte dann dem Herzog Georg übergeben werden, 
doch wollte man ihm in Anbetracht seiner Jugend 
und seiner Gemahlin Zeit lassen, zur alten Lehre 
zurückzukehren, und in diesem Falle sein Land 
ihm zurückstellen. Von diesem Schriftstück nahm 
der Landgraf Abschrift und versprach, die Sache 
einstweilen geheim zu halten. Alsbald aber erbat 
er sich die Zustellung des Originals, indem er 
dem Uebergeber, falls derselbe seine Stelle und 
Lehngüter verliere, aus eigenem Antriebe seinen 
Schutz und 10 000 Gulden als Ersatz versprach. 
Das Dokument gab Philipp zurück. Mit dem 
Kurfürsten erneuerte Philipp sein Bündniß zu 
Weimar; beide Fürsten verabredeten sich, 26 000 
Mann und 60 000 Gulden bereit zu halten, um 
gegen den Urheber der Urkunde vorzugehen. Mit 
nahen und fernen Fürsten wurden Unterhandlungen 
angeknüpft. Zusagen erhielten die beiden Ver 
bündeten vom Herzog Albrecht von Preußen, 
dem König Friedrich I. von Dänemark, dem 
Gegenkönig von Ungarn, Johann Zapolia von 
Siebenbürgen, und den Reichsstädten Magdeburg 
und Ulm. Die Truppen, 4 000 Reiter und
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.