Full text: Hessenland (8.1894)

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„Das wäre ja wohl auch möglich", meinte 
Koustanze ausathmend, indem sie sich mit dem 
Taschentuche über die Stirne wischte. 
„Möglich schon, aber in diesem Falle nicht 
zutreffend. Als ich die arme Frau kurz vor 
ihrem Ende besuchte, klang aus allen ihren 
Worten die Furcht vor der gefährlichen Neben 
buhlerin. Ich merkte es wohl, sie versuchte auch 
von mir zu erfahren, was ich freilich ebenso 
wenig wußte wie alle Andern." 
„Die Unglückliche!" seufzte Koustanze ergriffen. 
„Doch warum gelang es ihr nicht, den Gatten 
an sich zu fesseln? War sic vielleicht eine be 
schränkte Natur, die ihn nicht verstand und ihn 
in seinem geistigen Streben hemmte? — Sv 
etwas kommt doch vor!" — 
„Gewiß", gab die Generalin zu und sah er 
staunt in das erregte Antlitz der Hausgenossin, 
deren Auge in sichtlicher Spannung an ihren 
Lippen hing. „Aber in dieser unglücklichen Ehe 
war es nicht der Fall. Die Fra» besaß ein 
feines Verständniß für die Gaben ihres Mannes, 
sie war hochgebildet, auch sehr schön, konnte aber 
dennoch einen so wankelmüthigen und unedlen 
Menschen nicht dauernd fesseln. Ein Andrer wäre 
vielleicht überglücklich mit ihr geworden." 
Koustanze erhob sich und ging im Schatten 
auf und ab. Als die Augen der alten Dame 
nicht mehr ans ihr ruhten, sah sie ans, als wäre 
eben ein hartes Urtheil über sic gefüllt worden. 
Unsicher traten ihre Füße auf den geschorenen 
Rasen, ihre Züge zeigten den Ausdruck namen 
loser Bitterkeit. Jedoch seit sie gegen ihr Gewissen 
in den Bann einer heißen Leidenschaft gerathen 
war, hatte sie gelernt, sich zu beherrschen und 
harmlos zu erscheinen, derweil ihr Herz blutete 
oder sich in heimlicher Angst verzehrte. Nachdem 
sie wieder Platz genommen, sagte sie ganz ruhig: 
„Ich bin gespannt, ob sich der Herr wirklich mit 
seiner Geliebten verloben wird. — Mir scheint 
es etwas unwahrscheinlich zu sein." 
„O, ich glaube längst nicht mehr daran, Fräu 
lein Verleit", versetzte die alte Dame bestimmt. 
„Wer weiß, welche neuen Reize ihn jetzt wieder 
fesseln! Für das, was die geheimnißvolle Ge 
liebte der armen Frau anthat,' hat vielleicht eine 
Andere schon unbewußt das Richteramt über 
nommen." 
„Sv wird es wohl sein", gab Koustanze zu; 
dabei verschränkte sie die Arme fest über der 
Brust, weil diese den inneren Aufruhr in heftigen 
Regungen verrathen wollte. „Die Nemesis ent 
wickelt oft eine erbarmungslose Härte, wenn es 
gilt, ein Unrecht zu sühnen. — Ich — ich habe 
das auch schon erfahren." 
„Nun, dann wollen wir aber das trübe Thema 
fallen lassen", meinte die Generalin, die Kon- 
stanzens Worte falsch deutete und jetzt manches 
Räthselhafte in ihrem Wesen vollständig zu be 
greifen wähnte. „Darf ich sehen, was Sie 
augenblicklich lesen?" fragte sic und hob das 
Buch vom Boden, das sie soeben dort bemerkte. 
„Ich — ich wollte erst damit beginnen", 
brachte Konstanze stockend hervor, denn es wurde 
ihr doch ungemein schwer, der würdigen Dame 
gegenüber eine Unwahrheit zu äußern. 
Diese hatte kaum den Titel gelesen, als sie 
unwillig den Kopf schüttelte und das Buch mit 
einer Geberde des Abscheus ans den Tisch legte. 
„Von diesem Schriftsteller lese ich grundsätzlich 
nichts", sagte sie niit fast harter Entschiedenheit. 
„Warum denn nicht, Excellenz? Derwall ist 
doch einer unserer ersten Autoren." 
„Mag sein! Aber er war auch der Gatte 
jener unglücklichen Frau, von der ich Ihnen soeben 
erzählte. Selbstverständlich würde ich seinen 
Namen nicht nennen, wenn sein unglückliches 
Eheverhältniß und seine zweifelhaften Beziehungen 
zu anderen Frauen bei uns nicht allgemein bekannt 
wären. Daß ich mir von einem solchen Herrn 
nicht schildern lassen will, was Liebe und Treue 
ist, werden Sie begreiflich finden." 
„Gewiß", stimmte Koustanze aus voller Seele 
zu. „Auch ich werde von nun an nie mehr 
etwas von ihm lesen." 
„Bleiben Sie dabei, meine Liebe, und Sie 
werden nichts Werthvvlles verlieren. Da ich 
Ihnen aber ein trauriges Kapitel ans dem Lebens- 
roman dieses Mannes erzählte, dürfte dies Buch 
das, tvie ich sehe, erst soeben erschien, immerhin 
von Interesse für Sie sein. Vielleicht giebt es 
unter dem Schleier der Dichtkunst Aufschluß über 
manche dunklen Punkte, die im Leben seines 
Verfassers keine Aufklärung erhalten." 
„Sic meinen, Excellenz?" 
„Ja, das ist meine Ansicht. Es füllt mir 
auch eben wieder ein, daß ich kürzlich hörte, 
Dr. Ernst Derwall habe im letzten Jahre viel 
im Hause eines durch den Verkauf von Ländereien 
steinreich gewordenen Gärtners verkehrt und dessen 
bildschöner Tochter eifrig den Hof gemacht. — 
Wenn sich seine Wünsche verwirklichen, muß er 
doch versuchen, der verabschiedeten Geliebten 
gegenüber seine Handlungsweise poetisch 511 be 
schönigen. In solchen Dingen soll er Meister sein." 
Während die Generalin eben von dem Verkehr 
des berühmten Schriftstellers mit der reichen 
Gärtnersfamilie sprach, gellte der schrille Pfiff 
einer Lokomotive durch die weiche Svmmer- 
abendluft. Fuhr Konstanze bei diesem plötzlichen
	        

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