Full text: Hessenland (8.1894)

200 
sah so würdig, beinahe gelehrt aus; daß Georg 
das gar nicht begreifen wollte! Dann liebäugelte 
sie aber doch, — es war heute Sonntag und so 
schönes Wetter —, mit dem Cremekleid —, es 
hatte so kleidsame himmelblaue Sammtaufschläge. 
Sollte sie es nicht heute doch anziehen, an 
dem Ehrentage, an welchen sie ihreni Manne 
triumphirend ihr erstes opu8 überreichen sollte? 
Er war so gescheit, so furchtbar gescheit, ihr 
guter Mann; mit dieser Arbeit würde sie sich 
ebenbürtig machen, — er würde dann nicht mehr 
auf sie herabsehn — so gnädig —, beinahe mit 
leidig —, nein, das konnte sie nicht ertragen... 
Ja, wenn Georg wäre wie Mister Bride, der 
ihrer Freundin Ellen Vorzüge so zu schätzen 
wußte, ihr Klavierspiel bewunderte, ihre drolligen, 
naiven Einfälle entzückend fand —, ja, sie sogar 
über sich selbst stellte. Mein Gott, wir Frauen 
sind nun einmal anders, dachte sie, aus ihrer 
Rolle fallend, man hat uns nicht so logisch denken 
gelehrt, keine solchen Anforderungen an unser 
Urtheil gestellt, aber dafür sind wir wieder rasch 
inl Auffassen, frisch im Aneignen, originell im 
Fühlen, das — 
„Ach was, ich ziehe heute einmal mein Helles 
Kleid an —, nur heute —, Georg wird sich dann 
doppelt über meine Kritik freuen —, und das 
ist die Hauptsache. Es ist doch wundervoll, zu 
den Frauen gezählt zu werden, die etwas leisten, 
— ehrlich gestanden habe ich Fräulein Kunze 
immer darum beneidet; sie schreibt wie ein Mann 
und urtheilt wie ein Mann —, Georg braucht 
dann nicht mehr so überlegen zu lächeln." 
(Fortsetzung folgt.) 
Ver UliiversM Halle ein Ikstgrulj ans Hessen. 
Vom strahlenden, vom lichtumfloss'nen Balle 
Der Sonne, die jetzt hohe Kreise zieht, 
Strömt Segen auf die Erdbewohner alle, 
Die sie auf Feld und Wiese schaffen sieht. 
Doch deine Stirn, du festgeschmücktes Halle, 
Ziert grün ein Reis, dir tönt ein Jubellied 
Von Allen, die zum Saalestrand jetzt wallen 
Und zieheil ein in deine hohen Hallen. 
Wir altern rasch, es bleichen uns die Haare, 
Weim fünfzigmal uns naht des Jahres Lauf, 
Doch dli im Kranze der zweihundert Jahre 
Blühst wie der Lenz, noch brechen Knospen auf, 
Dein Flügelschwung ist gleich dem Königsaare, 
Der aufwärts steigt ob allem niedern Haus, 
Der schärfste Blick ist seinem Aug' gegeben 
Zu dein Entferntesten im Erdenleben. 
Von, Halle, dir hab' ich den Spruch gelesen: 
Es kommt aus dir nie einer ohne Weib. 
Ist Wahrheit nicht das alte Wort gewesen? 
Denn nicht gemeint ist eitler Zeitvertreib. 
Der Jüngling hat als Braut in dir erlesen 
Sich eine Jungfrau, rein an Geist und Leib. 
Deiin dort ist eigen ihm die Muse worden, 
Die ihn geleitet von der Saale Borden. 
Schnell schwinden Jahre, fliehen Perioden, 
Und Menschenwerke seh'n wir untergeh'n, 
Es können aufgedrung'ue neue Moden 
Vor raschem Wechsel kurze Zeit nur steh'n. 
Die Muse spricht: Was wird von mir geboten 
Dein Geiste, wirst du nie verschwinden seh'n. 
Was eine Gottheit Göttliches geschaffen, 
Kann nie die Zeit in ihrem Sturm entraffen. 
Das ew'ge Gut, das Erde nicht kann geben, 
Ist ein Geschenk der reichen Wissenschaft, 
Und das ist Freude, das ist wahres Leben, 
Wenn wächst beflügelt uns'res Geistes Kraft. 
Es sieht der Geist die Engel niederschweben, 
Zu retten uns aus trostlos enger Hast. 
Und solche Freiheit gibst auch du, v Halle, 
Die sie gekostet, bringen Dank dir alle! 
Der deutsche Laut klang nirgends vom Katheder, 
Die Sprache Romas hat auf ihm gethront, 
Sie war Gebieterin für Wort lind Feder, 
Hat als die Herrin in dem Haus gewohnt. 
Ihr huldigte von den Genossen Jeder, 
Ob solcher Dienst auch wahrlich schlecht gelohnt. 
Da warst du's, Halle, das den Bann gebrochen, 
Hier siel das Wort: „Es werde deutsch 
gesprochen!" 
Wie Vielen, Halle, wardst du alma mater, 
Die süße Milch und erste Nahrung bot. 
So sorgt für Kinder nur ein treuer Vater, 
Der Leib und Seele fernhält schlimme Noth. 
Den Suchenden warst allzeit du Berather, 
Du zeigtest ihnen fern das Morgenroth; 
Das leuchtete aus seiner öden Wüste 
Hin in das Land, da uns ein Engel grüßte. 
Kein Wunder ist's, wenn wie zu guten Ahnen 
Der Enkel pilgert heut' zum Jubelfest. 
Sie eilen hin zu dir auf raschen Bahnen, 
Du siehst sie kommen so von Ost wie West. 
Sie sehen weh'n der Burschen stolze Fahnen 
llnd grünen Schmuck und schlingendes Geäst. 
Der Geist verilimmt ein hohes Lied in Halle 
lind Gottes Lob bei hellem Glockenschalle. 
H. Tb.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.