Full text: Hessenland (8.1894)

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Sonntag, den 1. Juli: Morgens 8 Uhr event, 
später Empfang der Gäste am Bahnhof resp. an 
den Thoren der Stadt. Um ^9 Uhr auf dem 
Marktplatze: Choralmusik und gemeinschaftlicher 
Gesang der Lieder: „Das ist der Tag des Herrn" 
— „Die Himmel rühmen" — (letzteres mit Musik 
begleitung der Artilleriekapelle aus Kassel); um 
*/211 Uhr: Generalprobe für die Gesammtchöre in 
der Sängerhalle auf dem Festplatze; hierauf 
musikalischer Frühschoppen. 
Von 2 Uhr ab: Aufstellung zum Festzuge auf 
dem städtischen Turnplätze in der Hainstraße; 3 Uhr: 
Festzug durch die Stadt nach dem Festplatze auf 
dem Weerd unter Begleitung zweier Musikchöre. 
Der Zug bewegt sich durch folgende Straßen: 
Hainstraße, Breitenstraße, Weinstraße, Marktplatz, 
Johannisstraße zum Weerd (Festplatz), daselbst 
Begrüßungsgesang des Hersfelder Quartettvereins, 
Ansprachen, Festrede; hierauf großes Vokal- und 
Jnstrumentalkonzert in der Konzerthalle. Abends 
Feuerwerk, turnerische Gruppenbilder, Tanz. 
Montag, den 2. Juli, Morgens 6 Uhr: Weckruf 
durch die Stadtkapelle. Um 8 Uhr: Besuch der 
Stiftsruine, Hierselbst gemeinschaftlicher Chorgesang, 
Spaziergang durch die städtischen Anlagen nach 
den „Alpen" und Wolsf's Felsenkeller. Dortselbst 
um 10 Uhr Delegierten-Versammlung. Restauration, 
Konzert der Stadtkapelle und Gesangsvorträge. 
Rückmarsch V» 1 Uhr Mittags. Nachmittags von 
3 Uhr ab auf dem Festplatze: Konzert der Stadt 
kapelle, Vortrag von Gesängen seitens der Einzel 
vereine, Volksbelustigungen, Tanz. 
So steht, wenn auch der Himmel eilt freund 
liches Gesicht macht, reiche Festesfreude in Aussicht. 
Auch das „Hessenland" nimmt an ihr Theil, 
denn ihm liegt die Pflege des Sanges nicht wenig 
am Herzen. Möge der hessische Sängerbund 
blühen, wachsen und gedeihen bis zu fernen Ge 
schlechtern , möge er sich zugleich voll bewußt 
werden, daß ihm durch die Pflege des Gesanges 
und insbesondere des wahren Volksliedes 
eine hohe Aufgabe zugewiesen ist. Wir schätzen 
unb ehren die kunstmäßige Musik, aber das Herz 
des Volkes offenbart sich in seinem eigenen Liede, 
in schlichten Worten und einfachen Tönen. Und 
so haben hessische Sänger vor Allem die Pflicht, 
das dem heimathlichen Boden entsprossene Lied zu 
hegen und zu warten als theures Gut. Die Zeit, 
in der überkluge Schulweisheit hochmüthig auf 
das wilde, barfüßige Dorskind herabschaute, die 
Zeit, da das aus dem Herzen quellende natur 
wüchsige Lied als „unfein" und „bizarr" galt, ist 
Gott sei Dank vorüber, seitdem ein Herder, ein 
Goethe und viele andere edle Geister unserer 
Nation sich seiner angenommen haben. Mit Recht 
schreibt der Volksliedersammler Georg Scherer 
vom deutschell Volkslied: „Diese Lieder gehören 
zu den holdseligstell Blüthen des deutschen Geistes; 
in ihnen fühlt man den vollen Herzschlag unseres 
Volkes und lernt dasselbe von der liebenswürdigsten 
Seite kennen. Hier offenbart sich seine ganze 
Gemüthstiefe, rührende Güte, unendliche Liebe und 
aufopfernde Treue, seine schlichte Rechtschaffenheit, 
treuherzige Ehrlichkeit und hoher sittlicher Ernst; 
heitere Lebenslust und derber Muthwille bis zur 
Ausgelassenheit; aber auch trotzige Kraft, flam 
mender Zorn, glühender Haß und dreinschlagende 
Tapferkeit. Wahrlich, ein Volk, das solche Lieder 
auszuweisen hat, darf sich zeigen unter den Völkern 
der Erde." 
Aber das Volkslied will gesungen sein, nicht aus 
Büchern erlesen oder deklnmirt, und der hessische 
Literarhistoriker Vilmar trifft das Richtige, 
wenn er sagt: „Und doch wird ein Gedicht nur 
durch den Gesang unser ganzes volles Eigenthum, 
so daß wir dasselbe gewissermaßen mit dem Dichter- 
theilen ; nur dllrch den Gesang genießen wir das 
selbe ganz, mit Leib, Seele und Geist, nur durch 
den Gesang haben wir volle, unvergängliche 
Freude daran, und nur durch den Gesang endlich 
wird die Dauer des Liedes, ja gewissermaßen seine 
Unsterblichkeit gesichert. Gesungen muß ein Lied 
worden sein, von Vielen gesungen und lange 
gesungen, wenn wir es für ein echtes Volkslied 
halten sollen." 
Und Friedrich Frevert schildert in einem 
schönen, unserem durch seine verdienstvollen Ar 
beiten aus diesem Gebiete bekannten hessischen 
Landsmann Jo halln Le Walter gewidmeten 
Gedichte den Ursprung des Volksliedes in an 
ziehender Weise: 
Das Volkslied. 
Eiu altes Lied, ein altes Lied klopft an Dein Herz mit 
leisem Klang, 
Die Worte rauh und doch so traut und voller Tiefe und 
. Gesang. 
Das alte Lied, es rührt Dein Herz und füllt Dein Aug' 
mit Thränen an, 
Es lindert sanft der Seele Schmerz, mehr als Dein Mund 
es sagen kann. 
Sein Klang stammt von dem Vogel her, der Abends singt 
tut Lindenbaum, 
Hub von der Brandung, wenn das Meer den Fels bespritzt 
mit weißem Schaum, 
Vom Winde, der in dunkler Nacht um stille Gräber seufzt 
und klagt, 
Vom Bienchen, das mit Sumlnen fliegt um Blumenglocken, 
wenn es tagt. 
Gesungen ward's im braunen Moor und auf der lichten 
Haide Grün, 
Und int Gebirg, wo Farr'n und Moos des Bergquells 
felsig Bett umzieh'n, 
In schattiger Waldeinsamkeit, wo gelbe Schlüsselblumen 
blüh'n. 
Im stillen Thäte, wenn der Mond die alten Buchen hell 
beschien.
	        

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